VNWmagazin 1_2024
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Stiftsviertel St. Georg

Ein historisches Juwel

Inmitten des pulsierenden Großstadttrubels existieren im Stiftsviertel St. Georg auf kleinstem Raum verschiedene soziale Institutionen. 15 von ihnen haben sich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen.

Von Frauke Maaß

Hamburg. Mitten in St. Georg, einem der vielfältigsten, lebendigsten und buntesten Stadtteile Hamburgs, liegt das Stiftsviertel St. Georg. Ein Kleinod zwischen Steindamm, Lohmühlenpark, Lindenstraße und Berliner Tor, ein gewachsenes Quartier mit einer langen Geschichte und einem großen historischen Herzen.

Und damit ist nicht nur das Gebäudeensemble der Amalie Sieveking-Stiftung gemeint, das geographisch ungefähr die Mitte des Stiftsviertels bildet, sondern auch die rund 200 Jahre alte Tradition des sozialen Engagements, die das Viertel noch immer prägt.

Die Amalie Sieveking-Stiftung bildet geographisch ungefähr die Mitte des Stiftsviertels.

Rund 1000 Menschen leben in dem Viertel, viele davon in einem der Wohnstifte. Für alle ist spürbar, dass das Wohnen und das Miteinander hier etwas Besonderes sind. Einer von ihnen ist Ray Jackson.

Ich treffe den 67-jährigen gebürtigen Amerikaner im Kulturladen, dem kulturellen Zentrum des Viertels in der Alexanderstraße. Drei Jahre war er in Hamburg obdachlos, bis ihn ein Freund an die Amalie Sieveking-Stiftung vermittelte. 

Inzwischen wohnt er seit zehn Jahren im Wohnstift, einer Einrichtung, die barrierearme Wohnungen für Menschen ab 60 Jahren mit niedrigem Einkommen und Wohnberechtigungsschein anbietet.

Jackson ist noch immer dankbar für die gemütliche Zwei-Zimmer-Wohnung, die er in einem der alten Stiftungsgebäude bewohnt, und angetan von der persönlichen Atmosphäre im Viertel.

Im Kulturladen kennt man ihn. „Hier habe ich viele Freunde gefunden“, sagt er. „Hier kommen Leute zusammen, die sonst nie zusammenkommen würden.“ Mittlerweile habe er dort so etwas wie eine Familie gefunden.

Rund 1000 Menschen leben in dem Viertel, viele davon in einem der Wohnstifte. Einer von ihnen ist Ray Jackson.

Hier kennt fast jeder jeden

Im Kulturladen ist immer was los: Die Einrichtung bietet ein vielfältiges und niedrigschwelliges Kultur- und Bildungsangebot von Sprachkursen über Lesungen bis zu Konzerten. 

„Hier kennt fast jeder jeden“, bestätigt Annika Gürtler, Geschäftsführerin der Amalie Sieveking-Stiftung . Das beziehe sich nicht nur auf die Bewohner, sondern auch auf die vielfältigen Institutionen, die hier teilweise seit sehr vielen Jahren beheimatet sind. 

2017 haben sich 15 von ihnen zur Arbeitsgemeinschaft Stiftsviertel St. Georg zusammengeschlossen. Ihr Ziel ist es, das Zusammenleben der Menschen vor Ort weiterzuentwickeln und Bedingungen zu schaffen, um sie im Quartier zu halten. 

Im Mittelpunkt stehen die Themen Wohnen, Gesundheit und Zusammenleben. Und das, betont Gürtler, sind nicht nur leere Worte, sondern das wird hier gelebt. So hat sich die Hartwig-Hesse-Stiftung, die hier seit 1832 ansässig ist, bevor sie ihre Neubauten in der Alexanderstraße plante, vorab mit den anderen Einrichtungen kurzgeschlossen, um festzulegen, welche Angebote die Stiftung ihren Bewohnern machen kann. 

„Wir wollten nicht in Konkurrenz gehen mit den anderen Institutionen im Viertel“, betont Maik Greb, Geschäftsführer der Hartwig-Hesse-Stiftung. „Wir wollen gemeinsam dafür sorgen, dass die Menschen aus dem Viertel hier lange leben können und nicht auf Angebote der Pflege und Betreuung im Alter verzichten müssen.“ 

Tatsächlich sind die Angebote vielfältig. Für die Bewohner des Viertels gibt es Service-Wohnen, eine Tagespflege, ambulante sowie stationäre Pflege, zwei Wohn-Pflege-Gemeinschaften sowie besondere Wohnangebote für Menschen mit Demenz.


Annika Gürtler im Interview über die Arbeit und die Geschichte der Amalie Sieveking-Stiftung >>>



Ein besonderes Viertel

„Das Viertel ist durch seine Diversität, aber auch durch seine Gemeinschaft sehr besonders“, sagt Sina Peters von der Baugenossenschaft freier Gewerkschafter (bgfg). 54 Wohnungen hat die Genossenschaft im Stiftsviertel, direkt gegenüber von der Amalie Sieveking-Stiftung in der Stiftstraße sowie in der Ferdinand-Beit-Straße. 

Es ist nur ein kleiner Anteil der insgesamt 7600 Wohnungen, die die Genossenschaft in allen Hamburger Bezirken anbietet. „Auf kleinem Raum gibt es hier viele unterschiedliche Einrichtungen und Unternehmen mit sozialen Werten“, erläutert Peters. 

Dazu gehören neben der Amalie Sieveking-Stiftung und dem Hartwig-Hesse-Quartier Hinz und Kunzt, das Hamburger Obdachlosenmagazin, das hier in einem neu erbauten Gebäude auf dem Grundstück der Amalie Sieveking-Stiftung ins Stiftsviertel St. Georg gezogen ist. 

Am Standort in der Minenstraße sind neben der Geschäftsstelle Wohnungen für ehemals obdachlose Menschen entstanden. Dazu kommen mehrere Wohngruppen sowie rund 60 Mietwohnungen der Hamburger Blindenstiftung, das Alten- und Pflegeheim Heinrich-Sengelmann-Haus der Diakonie sowie zwei Kitas. 

Auch der Fachbereich Wirtschaft und Soziales der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW ) befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Stiftsviertel und ist mit der Amalie Sieveking-Stiftung und der Hartwig-Hesse-Stiftung in engem Kontakt.

Veranstaltungen sorgen für Zusammenhalt

Gemeinsame Aktionen wie Winter- und Straßenfeste, aber auch Einzelveranstaltungen wie Informationsabende oder Sport im Park, die von Quartierskoordinator Christopher Cohen vom Büro für Öffentlichkeitsarbeit und dem Arbeitskreis geplant werden, sorgen für Vernetzung der Menschen und stärken den Zusammenhalt.

Besonders war eine Aktion der bgfg und des Kulturladens Ende 2023: „Nachdem wir als AG eine Bewohnerbefragung durchgeführt hatten, deren Ergebnis unter anderem war, dass sich die Bewohnerschaft mehr gemeinsame Aktivitäten und Gemeinschaft wünscht, haben wir ein Kunstprojekt durchgeführt“, erläutert Sina Peters. 

Das Ergebnis: Eine Wand des Wohngebäudes Ecke Stiftstraße/Ferdinand-Beit-Straße ziert jetzt eine bunte Schnecke, die in einem Beteiligungsprozess gemeinsam mit einem Hamburger Wandbild-Künstler entstanden ist.

Kunstprojekt der bgfg und des Kulturladens Ende 2023.


Nicht nur heile Welt

Das alles klingt wie eine ruhige Oase mitten in einem Stadtteil, von dem auch eine ganz andere Seite bekannt ist. „Natürlich ist hier nicht nur heile Welt“, gibt Annika Gürtler zu. Wie in allen anderen Quartieren gibt es auch im Stiftsviertel immer mal wieder Spannungen zwischen den Bewohnern. 

Auch die Drogenszene vom Hauptbahnhof macht nicht halt vor dem Stiftsviertel. Aber hier werden viele aufgefangen. Die Menschen nehmen Rücksicht aufeinander, leben Hilfsbereitschaft und Toleranz. Auch dank einer gelungenen Koordinierung durch Christopher Cohen, der versucht, die Fäden in der Hand zu halten.

„Die Arbeit in der Arbeitsgemeinschaft ist nicht nur wichtig für die Bewohner oder um Ressourcen zu bündeln, sondern setzt klare Signale an Behörden und Politik“, sagt Annika Gürtler. Es wird mit einer Stimme gesprochen, und das ist wichtig, weil immer wieder Geld beantragt werden muss. Denn bei allem Zusammenhalt: Ohne Förderung könnte viel von dem Engagement nicht realisiert werden.