Welche Norm nervt Sie am meisten?
Die bestehenden Normungen hinsichtlich Mindestwärmeschutz, den Schall- und den Brandschutz sind sehr weitreichend und erzeugen unweigerlich hohe zusätzliche Kosten. Nehmen Sie den Schallschutz. Nach der letzten Verschärfung sind der Aufwand und die damit verbundenen Kosten noch einmal spürbar gestiegen. Dabei war der Standard auch vorher schon ausgesprochen hoch und könnte meines Erachtens gesenkt werden.
Niemand will hören, worüber die Nachbarn beim Abendessen diskutieren.
Über das richtige Maß kann man sich trefflich streiten. Niemand will zu dem fast nicht vorhandenen Schallschutz bei älteren Gebäuden mit Holzbalkendecken und ohne schwimmenden Estrich zurück. Aber diese Wohnungen sind trotz der Mängel im Schallschutz ausgesprochen beliebt, und die Bewohner kommen damit offenbar gut zurecht.
Sie nennen auch den Brandschutz.
Alle Wohnungen in Deutschland müssen inzwischen mit Rauchwarnmeldern ausgestattet sein. Die Bewohner werden also bei einem Brand sehr schnell informiert und können sich so in Sicherheit bringen. Zu einem Abbau von Brandschutzvorschriften ist es im Gegenzug jedoch nicht gekommen. Warum eigentlich nicht?
Die Reduzierung klimaschädlicher Treibhausgase spielt inzwischen eine große Rolle. Der Bausektor hängt bei der Erfüllung der Reduzierungsvorgaben zurück. Muss da nicht der Druck durch Vorschriften erhöht werden?
Der geforderte Mindestwärmeschutzes von Neubauten ist bereits heute sehr hoch. Der Verzicht auf den Effizienzhaus-Standard 40 ist in jedem Fall sinnvoll, damit überhaupt noch gefördert gebaut werden kann. Erreichbar, wenn auch ambitioniert, sind die vorgegebenen Mindestwerte bei Bestandsgebäuden für den Sanierungsfall.
Worin besteht dann das Problem?
Es sind die Anforderungen für die Gewährung von Förderungen, die über das bereits Geschuldete hinausgehen. Schon die gültigen Anforderungen an die Förderung von energetischen Modernisierungen führen zu deutlichen Preissteigerungen, ohne eine zusätzliche Energieeinsparung in angemessenem Umfang realisieren zu können. Mit anderen Worten: Die Kosten für jede über den gesetzlichen Mindeststandard hinaus eingesparte Kilowattstunde steigen überproportional und damit auch die Mieten. Die staatlichen Fördergeber sollten die Anforderungen nicht zu hoch schrauben, um bezahlbares Wohnen in sanierten Beständen zu ermöglichen.
Hamburg setzt auf Soziale Erhaltungsverordnungen, um „Altbauquartiere aufzuwerten, ohne zu verdrängen“. So die Theorie. Wie sieht die Praxis aus?
Die zahlreichen Erhaltungsverordnungen behindern die Umsetzung der Energiewende massiv. Wir haben bisher zwei Mal schlechte Erfahrungen gemacht. Am Ende konnten wir zwar für beide Modernisierungen eine Genehmigung erlangen. Es war aber mit jeweils viel Aufwand und großem Zeitverlust verbunden. Angesicht der gestiegenen Baukosten haben diese Verzögerungen zu unnötigen Baukostensteigerungen beigetragen.
Viele angestammte Mieterinnen und Mieter sorgen sich vor Gentrifzierung in ihren Vierteln.
Das verstehe ich. Denkbar wäre es, Modernisierungen einfacher und schneller zu erlauben, wenn die Mehrheit der Bewohner der Maßnahme zugestimmt hat. Außerdem kann ich nicht nachvollziehen, warum in Hamburg für jedes Flurstück ein gesonderter Bauantrag in vielfacher Ausfertigung eingereicht werden muss, obwohl es sich um einen zusammenhängenden Gebäudebestand handelt.
Sollte man die Erhaltensverordnungen abschaffen?
Zumindest in ihrer heutigen Fassung behindern sie die Umsetzung der Energiewende und eine zeitgemäße Weiterentwicklung der Quartiere. Bei einem Projekt sagte uns eine Behördenmitarbeiterin: „Ich bin froh über jede schlecht ausgestattete Wohnung.“ Die zuständigen Stellen nehmen sich heraus, den Bewohnern einen zeitgemäßen Zustand vorzuenthalten. Selbst wenn die betroffenen Bewohner eine Veränderung möchten.
Hamburgs Bausenatorin arbeitet gerade an einer Änderung des Baugenehmigungsverfahrens.
Das unterstützen wir. Baumaßnahmen müssen verlässlich schneller genehmigt werden. Auch die Praxis ständiger Nachforderungen von Kleinigkeiten durch die Bauprüfbehörde müssen ein Ende finden. Zwingend ist, dass schlankere Genehmigungsverfahren auch für die Gebiete mit Erhaltungsverordnungen gelten. Dort haben die am Gemeinwohl orientierten Vermieter sehr große Bestände.
Haben Sie noch einen Überblick über die unterschiedlichen Anforderungen?
Man versucht den Überblick für die wichtigsten Normen zu behalten. Ein vollständiger Überblick über alle Normen und eventuellen Querbezüge ist jedoch unmöglich.
Wie hoch schätzen Sie die Kosten pro Quadratmeter durch zu viele Normen beim Bau einer Wohnung?
Ich halte eine Einsparung von bis zu 15 Prozent der Baukosten für möglich, dann allerdings auch mit Einschränkungen beim Komfort wie zum Beispiel beim Schallschutz.
Glauben Sie, dass durch den derzeit in den Politik diskutierten „Standard E wie einfach“ eine Lösung des Problems der überbordenden Bürokratie möglich ist?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die bestehende Normen signifikant abgeschwächt werden und bin daher sehr skeptisch. Kein Politiker wird eine Entscheidung befürworten, die zu einer Senkung der Sicherheit oder des Schallschutzes führt. Da wird lieber noch draufgesattelt.
Welche Auswirkungen hat die hohe Zahl der Vorgaben auf die Mieten?
Jede Verschärfung einer Vorschrift erhöht den Aufwand und damit die Kosten, die nur durch die Nutzungsgebühren abgedeckt werden können, wenn es keine Förderung gibt.
Sollte es unterschiedlich strenge Normen für den Neubau und den Bestand geben?
Für Bestandsgebäude gilt in der Regel ein Bestandsschutz, sofern keine wesentlichen baulichen Änderungen vorgenommen werden. Bezüglich des Wärmeschutzes gibt es bereits heute unterschiedliche Anforderungen für Neubau und Modernisierungen.
Welche Normen halten Sie für unverzichtbar?
Viele Normen sind sicherheitsrelevant und grundsätzlich richtig. Es ist nur eine Frage der Abwägung und regelmäßigen Überprüfung. Mehr Sicherheit ist immer gut, aber wann ist die Grenze erreicht? Daher finde ich die Idee einer von vornherein festgelegten Laufzeit für Normen und Verordnungen eine gute Idee. Dann gibt es einen Zwang, dass sich alle Betroffenen an einen Tisch setzen und sich damit beschäftigen. Es steigt so die Chance, nicht mehr zeitgemäße Regelungen anzupassen.