VNWmagazin 1_2025
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125 Jahre VNW

TEIL 01

125 JAHRE VNW / TEIL 01

Wohnwelten im Wandel – lange vor dem VNW  

2025 begeht der Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) sein 125. Jubiläum. Dabei markiert die am 2. November 1900 im Arbeiter-Erholungshaus der Kaiserlichen Werft in Kiel tagende Versammlung schleswig-holsteinischer Baugenossenschaften eben nicht nur den Beginn einer erfolgreichen Verbandsgeschichte, sondern ist gleichsam Höhepunkt einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, die rund 70 Jahre vorher ihren Anfang nahm.

Von Christian Vogt, Historiker-Genossenschaft eG

Ab den 1830er Jahren setzte auch im Norden ein Modernisierungsprozess ein, der die Lebensverhältnisse in technischer, wirtschaftlicher wie gesellschaftlicher Hinsicht und bezogen auf das Wohnen grundlegend veränderte. Als eines der großen Probleme moderner Industriegesellschaften erhielt die soziale wie gesellschaftspolitische Frage des guten, gesunden Wohnens ab Mitte des 19. Jahrhunderts einen besonderen Stellenwert. 

Bereits ab Mitte des 18. Jahrhunderts setzte auch in Norddeutschland bedingt durch Fortschritte in den Bereichen Ernährung, Medizin und Hygiene ein größeres Bevölkerungswachstum ein, das sich im 19. Jahrhundert fortsetzte. Die Zunahme war zwar in den Herzogtümern Schleswig und Holstein unterschiedlich, denn das immer schon dichter besiedelte Holstein profitierte von der ab 1830 einsetzenden Industrialisierung und Intensivierung der Landwirtschaft stärker als der bis auf wenige Ausnahmen kaum industrialisierte Norden. In Summe wuchs die schleswig-holsteinische Bevölkerung jedoch zwischen 1834 und 1901 von rund 800.000 auf 1.400.000 und im benachbarten Hamburg seit 1815/16 innerhalb eines knappen Jahrhunderts von rund 125.000 Einwohnern auf etwas unter einer Million Menschen.  

Allerdings: Gerade in der Hochindustrialisierung verschlechterten sich zeitweise die Lebensbedingungen sowohl in der städtischen Arbeiterschaft als auch bei den Landarbeitern zum Teil dramatisch. Parallel erfuhren die Norddeutschen eine Revolutionierung ihrer Lebenswelten auf den unterschiedlichsten Ebenen.

Die Beschleunigung des Lebens – der Norden in Bewegung

Jahrhundertelang hatte es bei der Infrastruktur im Norden hinsichtlich des Transports von Gütern und Menschen sowie in der Kommunikation so gut wie keine Veränderungen gegeben. Zwischen 1830 und dem Beginn des Ersten Weltkrieges hingegen wurde das heutige Schleswig-Holstein durch ein flächendeckendes Netz an befestigten Landstraßen, Eisenbahnstrecken und Wasserstraßen weitgehend erschlossen. Es war nichts weniger als eine „Verkehrsrevolution“, die mit dem Bau von Kunststraßen begann. Zwischen 1842 und 1912 erweiterte sich das Chausseenetz von 187 Kilometern auf eine Länge von 5.892 Kilometern. Noch größere Bedeutung für den Weg des Nordens in die Moderne hatte jedoch der Eisenbahnbau. Noch unter dänischer Herrschaft eröffnete am 18. September 1844 die erste Eisenbahnlinie zwischen Altona und Kiel. Knapp zwei Jahrzehnte lang blieb das Bahnnetz der Herzogtümer isoliert, erst 1866 erfolgte mit der Strecke Hamburg–Altona der Anschluss an den deutschen Binnenwirtschaftsraum. Insgesamt wuchs das Streckennetz zwischen 1847 und 1913 von 193 Kilometern auf 2.531 Kilometer an.


Als dritten großen Bereich erreichten die Neuerungen die Schifffahrt. Zuerst in Hamburg und Kiel ab Mitte des 19. Jahrhunderts, nachfolgend in Lübeck, Flensburg und anderen Städten, wurden die Häfen mit moderner Infrastruktur ausgebaut und ebenfalls ans Schienennetz angeschlossen. Zum sichtbarsten und bedeutendsten Zeichen der neuen Zeit wurde der 1895 eröffnete Kaiser-Wilhelm-Kanal (heute Nord-Ostsee-Kanal).

Zusätzlich zu den genannten Entwicklungen veränderten weitere technische Innovationen die Lebensbereiche vieler Menschen von Grund auf. Das Nachrichtenwesen etwa erfuhr durch eine verbesserte Organisation bei der Post und die Erfindung des elektrischen Telegraphen eine enorme Beschleunigung, und schließlich trat das Telefon ab den 1880er Jahren seinen Siegeszug durch Schleswig-Holstein an. 

Eine funktionierende Infrastruktur – damals echte Innovation

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzog sich im Norden Deutschlands zudem eine tiefgreifende Modernisierung der kommunalen Infrastruktur, insbesondere in den Bereichen Gas, Elektrizität, Wasserversorgung und Abwasserentsorgung.

Die Entwicklung begann mit der Einführung von Leuchtgas, das aus Steinkohle gewonnen wurde. In den 1850er und 1860er Jahren wurden Städte wie Kiel, Altona, Lübeck, Flensburg, Schleswig und Rendsburg mit Gaswerken ausgestattet. Anfangs diente Gas vor allem der Straßenbeleuchtung, ab den 1860er Jahren wurde es zunehmend auch als Energiequelle für Licht, zum Kochen und Heizen genutzt. 

Neben der Gasversorgung begann die Elektrifizierung, die sich zunächst aufgrund hoher Kosten nur langsam ausbreitete. Elektrisches Licht wurde Ende des 19. Jahrhunderts zwar in öffentlichen Bereichen wie Theatern, Bahnhöfen und Kaianlagen eingesetzt, war in privaten Haushalten jedoch selten. Zwischen 1890 und 1913 entstanden kommunale Elektrizitätswerke, die in großen Städten wie Hamburg, Lübeck, Altona und Kiel den Betrieb von Straßenbahnen ermöglichten. Auf dem Land begann die flächendeckende Elektrifizierung erst in den 1920er und 1930er Jahren.

Ein weiterer bedeutender Fortschritt war die zentrale Wasserversorgung, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingeführt wurde. Nach dem Hamburger Brand von 1842 etablierte die Hansestadt ein modernes System, um Trink- und Brauchwasser einzusetzen, das bald von Städten wie Altona und Lübeck übernommen wurde. Zwischen 1880 und 1910 entstanden auch in kleineren Städten wie Glückstadt, Flensburg und Lauenburg moderne Anlagen; Städte wie Westerland und Heide folgten. In ländlichen Gebieten und kleinen Städten gab es dagegen oft Nachholbedarf. Parallel dazu entwickelte sich die Abwasserentsorgung, ausgelöst durch Cholera-Epidemien wie etwa in Hamburg im Jahr 1892. In Städten wie Wandsbek, Neumünster und Glückstadt entstanden ab den 1890er Jahren Schwemmkanalisationen. Diese waren allerdings oft unzureichend und verfügten nur über einfache Kläranlagen. Nur Altona und Teile von Rendsburg konnten bis Anfang des 20. Jahrhunderts funktionierende Abwassersysteme vorweisen. Wegen der hohen Kosten zogen sich viele Projekte bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg hin. 

Auf dem Gebiet der staatlichen Überwachung der Volksgesundheit gehörte Schleswig-Holstein bereits seit 1731, als das erste Collegium medicum gegründet wurde, zu den Pionieren. Beide Herzogtümer betreuend gab es ab 1804 ein Sanitätskollegium, das sich als oberste medizinische Behörde um die hygienischen Verhältnisse hinsichtlich der Lebensmittel- und Wasserversorgung sowie um die Zustände in Schulen, Krankenhäusern, Gefängnissen, Bädern und gewerblichen Anlagen und eben auch in Wohnungen kümmerte.

Insgesamt legten diese Entwicklungen den Grundstein für moderne Infrastrukturen, die den Übergang von einer individuellen zu einer gemeinschaftlich organisierten Versorgung markieren. 

Binnenmigration und Urbanisierung

Im Ergebnis traf das Bevölkerungswachstum auf eine Revolutionierung der Verkehrsverhältnisse und Versorgungsbedingungen und führte zu neuen Lebenswirklichkeiten. Die immer stärkere Vernetzung sorgte für elementare wirtschaftliche Wachstumsimpulse im produzierenden Gewerbe. Die Industrie begann, auf Massenproduktion auch bislang unbekannter Konsumgüter umzustellen. Die Arbeitsprozesse insgesamt spezialisierten sich, Arbeitsteilung machte sie effizienter. In der Folge wuchsen auch der Handels- und Dienstleistungssektor, sodass gerade die sich stark industrialisierenden Gebiete Holsteins sowie die anderen Industrie- und Verwaltungszentren und militärischen Stützpunkte im Norden mit ihren infrastrukturellen Vorzügen viele Arbeitskräfte anzogen. Hier gab es, im Gegensatz zur Saisonarbeit auf dem Land, ganzjährig Arbeit und folglich ein ganzjähriges Einkommen. Dies war ein massiver Anreiz für viele, der traditionellen, ländlichen Gesellschaft zu entrinnen und den Versuch zu wagen, die soziale Leiter emporzusteigen. Temporäre Rückschritte und Zuspitzungen der Arbeits- und Lohnsituation und eben auch hinsichtlich der Wohnsituation wurden dabei zunächst in Kauf genommen. Die Bevölkerung der Ballungsgebiete wuchs, die Urbanisierung stieg landesweit merklich an. 


Alles kam in Bewegung, auch auf dem Land, wo das Agrarwesen unter anderem durch neue Anbautechniken im Aufschwung begriffen war. Zwar profitierten über Besitz verfügende Landwirte von der landwirtschaftlichen Intensivierung und begannen teils früh mit Verbesserungen ihrer eigenen Wohnsituation, die schwierigen Arbeits- und Wohnbedingungen der auf dem Land Arbeitenden blieben jedoch bestehen. Die über Generationen bewährten, traditionellen Wohnformen änderten sich bis zum letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wenig. Insbesondere für Angehörige der unteren Gesellschaftsschichten blieb das private Leben auf rudimentäres Wohnen reduziert. Knechte und Mägde in den bäuerlichen Haushalten mussten sich meist mit Schlafplätzen begnügen, und Landarbeiter hausten mit ihren Familien oftmals in baufälligen, kümmerlichen Hütten, die selbst Zeitgenossen sozial und gesundheitlich nicht tragbar erschienen.


WANDERARBEITER
Eine Gruppierung, die von allen am schlechtesten untergebracht war, waren im späten 19. Jahrhundert auch in Schleswig-Holstein die aus den ostelbischen Provinzen Preußens, der Mark Brandenburg oder Galizien in Russisch-Polen stammenden Wanderarbeiter. Um sich hier den nötigsten Lebensunterhalt zum Beispiel im Gemüse- und Zuckerrübenanbau zu verdienen, lebten sie in Extremfällen in heruntergekommenen Ställen mit bis zu 30 Personen oder in sogenannten Schnitt-, im Volksmund „Russenkasernen“ genannten Behausungen. Hier herrschten üble, teils menschenunwürdige Zustände hinsichtlich der Bauweise wie der Ausstattung. Etwas besser erging es denjenigen, die in den Massenquartieren der Zuckerfabriken, Zementfabriken und Ziegeleien etwa in Wesselburen, im Kreis Stormarn oder in Lägerdorf lebten. Diese Einrichtungen wurden medizinpolizeilich überwacht, was hier zu einer allmählichen Verbesserung der Wohnsituation führte.


Privates, geräumiges Wohnen? Nicht für alle! 

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts verloren ältere Lebens- und Wohnmodelle wie die Mehrgenerationenfamilie oder die Hausgemeinschaft mit Bediensteten, die im bäuerlichen, handwerklichen, aber auch im Milieu der Kaufleute nicht unüblich waren, an Bedeutung. In den Fokus rückte mehr und mehr die Trennung von Arbeit und Familienleben, von Wirtschaftsräumen aller Art und privatem Wohnbereich. Allerdings: Dieses neue Ideal der häuslichen Privatsphäre war für weite Teile der Bevölkerung, gerade für die unteren Gesellschaftsschichten, trotz der regen Neubautätigkeiten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kaum zu erreichen.
Anders sah dies bei den vermögenden, bürgerlichen Familien aus. Diese zogen ab Mitte des Jahrhunderts auch in Städten wie Flensburg oder Altona in neu entstehende Villenviertel oder in großzügige Etagenwohnungen in modernen, mehrgeschossigen Stadthäusern. Beide Wohnsituationen zeichneten sich durch eine Vielzahl zweckgebundener Räumlichkeiten aus. Wirtschaftsräume wie Küche, Waschküche, Speisekammer oder Angestelltenzimmer befanden sich auf der einen, die privaten Räumlichkeiten der Familie, ergänzt durch repräsentative Salons, Musikzimmer und Bibliotheken, auf der anderen Seite. Eine Trennung dieser Bereiche durch Flur, Korridor sowie ein von den Privaträumen getrennter Eingangsbereich war obligatorisch. Vor allem aber hielten hier technische Neuerungen und Verbesserungen besonders schnell Einzug, etwa im sanitären Bereich durch wohnungseigene Wasseranschlüsse, erste Wasserklosetts und Badewannen oder der geschlossene Sparherd aus den 1850er Jahren, das Gaslicht der 1860er Jahre oder später das elektrische Licht.

Einfacher und bescheidener präsentierten sich im Vergleich dazu die Wohnungen der mittleren und kleinbürgerlichen Gesellschaftsschichten, wie Handwerker und Ladenbesitzer. Auch sie versuchten seit Ende des 19. Jahrhunderts, ihre Lebensqualität zu verbessern, Privates und Berufliches besser zu trennen. Sie richteten Gewerberäume im Parterre oder Souterrain der neuen Mietstockwerkhäuser zur Straße und im Innenhof ein und bezogen selbst darüberliegende Wohnungen, die durchschnittlich über die Küche, zwei bis drei Zimmer, eine unbeheizte Kammer sowie, seit der Jahrhundertwende ansteigend, über einen wohnungseigenen Abort verfügten. Dabei orientierten sich die Bewohner hinsichtlich der Wohnungsausstattung am großbürgerlichen Vorbild und versuchten, sich in ihrer Wohnkultur von den unteren Gesellschaftsschichten abzugrenzen.

Lebenswirklichkeiten der Arbeiter in Norddeutschlands Städten

Zwar hatten die schleswig-holsteinischen Städte im 19. Jahrhundert nicht mit Massenelend zu kämpfen wie manche Großstädte andernorts, aber je mehr Arbeiter nach Flensburg, Altona, Kiel oder Neumünster übersiedelten, desto größer wurde dort die Wohnungsnot. In fast allen Städten verschärfte sich die Trennung zwischen Arbeitervierteln in der Nähe der neu entstehenden Industriebetriebe und Stadtteilen mit noblen, sehr großzügigen Wohnungen an boulevardartigen Straßen sowie neuen Villenvierteln für vermögende Bevölkerungsgruppen. Die alten Stadtgebiete erwiesen sich für den Ansturm der Wohnungssuchenden jedoch schnell als zu klein. Was dort folgte, war eine Spirale aus Zuzug und Verdichtung und im Endeffekt eine Art Slumbildung in einigen Stadtgebieten, wo alte, renovierungsbedürftige Bausubstanz zu engen, ungesunden Massenquartieren verkam. 

Die Mehrheit der Menschen mit geringem Einkommen bewohnte alte und baufällige Gebäude mit kargen, niedrigen und feuchten Kleinwohnungen, die oftmals nur aus der Küche und einem Zimmer, vielleicht noch einer ergänzenden Kammer bestanden. Kinderzimmer oder Badezimmer gab es nicht, undichte Öfen belasteten die Raumluft. Zur Verrichtung der Notdurft mussten die Bewohner zum Abort auf dem Hof, mindestens auf dem Flur, wie bei den Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Mietstockwerkhäusern. Als die Zustände hier nicht mehr tragbar waren, entstanden auch in schleswig-holsteinischen Städten nahe den Altstädten neue Wohnviertel für Arbeiter und Angestellte.

Von Kiel bis Husum, von Altona bis Flensburg – es wurde eng

Kiel etwa entwuchs seit 1867 seiner Beschaulichkeit als Hafen- und Universitätsstadt, wurde Provinzhauptstadt und ab 1871 Reichskriegshafen. Die dortige Bebauung war bis etwa 1860 von Adels- und Großbürgerhäusern, Kleinbürgergebäuden und bescheidenen Buden geprägt gewesen, in den folgenden 30 Jahren entstanden hier wie in anderen schleswig-holsteinischen Städten mehrgeschossige Mietskasernen mit Kleinwohnungen für die Arbeiterbevölkerung. Diese Wohnungen verfügten über ein bis drei beheizbare Zimmer, so zum Beispiel im Kuhberg- oder dem Damperhofviertel in Kiel, später auch in den Wohnhäusern für Werftarbeiter in den nahe gelegenen Stadtteilen Gaarden, Wellingdorf oder Ellerbek. In Neumünster beispielsweise entstanden solche Mietskasernen gefördert durch örtliche Leder- und Textilfabriken oder das Reichsbahnausbesserungswerk. Allerdings: Bis über den Jahrhundertwechsel hinaus hausten auch in Kiel teilweise neun Personen auf 36 Quadratmetern.

Hinsichtlich der neu entstehenden Arbeiterwohnhäuser bemühten sich die Städte zwar durch Fassadengestaltung und sinnvolle Straßenführungen darum, Häuserschluchten zu vermeiden. Trotzdem beherbergten die oft dunklen, wenig attraktiven Straßenzüge etwa in Ottensen oder im Kieler Süden häufig Tausende von Menschen. Bis ins erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts entsprachen rund zwei Fünftel der Kieler Wohnungen nicht den behördlichen hygienischen Anforderungen. 

Auch in Altona herrschten gerade bei dicht stehenden, hohen Altbauten wenig behagliche, ungesunde Wohnverhältnisse. Erst etwa ab 1880 entspannte sich hier die Lage, wo die Wohndichte deutschlandweit mit am dichtesten war, durch Revisionen der Altonaer Bauordnung. Sie sorgte für breitere Straßen, größere Abstände zwischen den Gebäuden, hellere Innen- und Wohnhöfe, vor allem aber für höhere und besser mit Tageslicht versorgte Wohnungen mit Anschluss an das städtische Ver- und Entsorgungssystem. Trotzdem lebten noch über zwei Drittel der Menschen in Kleinwohnungen mit einem bis zwei beheizbaren Zimmern.


Weiter im Norden, in Flensburg, hielt sich zwar die Wohnungsnot in Grenzen, äußerte sich aber vielmehr in der mangelnden Qualität der Wohnungen, in denen es durch den offenen Schornstein schon mal hereinregnete. Kritisch wurde die Lage aufgrund partiell verwahrloster Wohnhäuser auch abseits der großen Städte in Eckernförde, Segeberg oder Heiligenhafen, wo selbst bei Neubauten die baupolizeilichen Vorschriften nicht eingehalten wurden. 

Insgesamt galt für Städte wie Altona-Ottensen, Wandsbek die Formel: Je mehr Industrieansiedlung, desto größer die Trennung der Wohnanlagen nach sozialer Zugehörigkeit. Und bei allen partiell versuchten Verbesserungen blieb die Situation in den Arbeiterquartieren gekennzeichnet von trotzlosen, lichtlosen und unhygienischen Lebensumständen. Die überfüllten Wohnungen waren Brutstätten der Tuberkulose, auch Geschlechtskrankheiten und Alkoholismus konnten sich leicht verbreiten, und die Cholera-Epidemie 1892 in Hamburg zeigte einmal mehr, dass es dort an mehreren zehntausend kleinen Wohnungen fehlte.

Kritiker verwiesen auf die Verantwortlichen in den Städten und forderten diese auf, Beispielen aus London oder den Niederlanden zu folgen, um die Wohnungsnot zu beenden.

Wohin mit all den Menschen? Lösungswege aus der Wohnungsmisere

Die Wohnungsnot war ein vielschichtiges Problem mit mannigfaltigen Ursachen: starkes Bevölkerungswachstum, kaum politischer Wille zu grundsätzlichen Veränderungen, unzureichende Gesetzgebungen und Bauaufsichten und wie heute Kapitalmangel und gesteigerte Baukosten. So blieb, besonders in den Städten, die Versorgung der vielen Arbeiterfamilien mit Kleinwohnungen das vordringlichste Problem.

In Norddeutschland gab es verschiedene Lösungsansätze. Der Gedanke, zum Beispiel über wohltätige Stiftungen aktiv jenen zu helfen, die für ihr Heim nicht selbst sorgen können, ist Jahrhunderte alt. Zwischen 1824 und 1914 erlebte das Wohnstiftswesen des Hamburger Großbürgertums mit 33 christlichen Neugründungen und 96 teilweise sehr umfassenden Neubauten einen beachtlichen Boom.

Eine weitere wichtige Säule zur Schaffung von Wohnraum entwickelte sich in Norddeutschland ab 1840/41 mit dem Werkswohnungsbau nach belgischem und englischem Vorbild. Die Idee war absolut fortschrittlich, auch wenn sie mit ihren die Privatsphäre kontrollierenden und disziplinierenden Elementen sowie aufgrund der Isolationstendenzen der dort untergebrachten Bewohner durchaus kritisch zu hinterfragen war. 

Es war Markus Hartwig Holler, Fabrikant und Gründer der Carlshütte bei Rendsburg, der noch vor Alfred Krupps Meisterhäusern in Essen auf dem Gebiet des preiswerten Werkswohnungsbaus für ganz Deutschland Pionierarbeit leistete. Dabei boten die ersten Wohnhäuser mit 30 Quadratmetern noch wenig Platz, verfügten aber über Küche, Stube und Kammer, ein Dachgeschoss zum Selbstausbau, einen Stall mit Abort sowie einen Nutzgarten und entsprachen dem in Schleswig-Holstein üblichen Kleinwohnungsstandard. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges errichtete das Unternehmen 179 Kleinhäuser und mehrgeschossige Stockwerksbauten mit insgesamt 372 Wohnungen für aktive Werksangehörige und Pensionäre.


Weitere, vom Reichsfiskus finanzierte Werkssiedlungen mit größeren Wohnungen in eineinhalb- bis zweigeschossigen Backsteinbauten, ergänzt um ein Arbeitererholungs- und Warenhaus, entstanden beispielsweise zwischen 1890 und 1898 für Angehörige der Kaiserlichen Torpedowerkstatt in Friedrichsort. Durchaus fortschrittlich präsentierte sich auch der zwischen 1900 und 1902 in Kiel-Gaarden für Arbeiter der Kruppschen Germaniawerft errichtete Wohnkomplex, in dem jede Wohnung über einen innen befindlichen Abort verfügte. Darüber hinaus beteiligten sich in anderen Städten und Orten des Nordens auch einige Kommunen am Werkswohnungsbau.


GUT UNTERGEBRACHT – DIE ERBAUER DES NORD-OSTSEE-KANALS

Beim Großbauprojekt Kaiser-Wilhelm-Kanal bewies der Staat ein gestiegenes Bewusstsein für die zu verbessernde Wohnsituation und Versorgung der Arbeiter. Tausende von ihnen, vor allem aus Preußens östlichen Provinzen, mussten untergebracht werden, 1888/89 durchschnittlich 3.000 Personen, im Sommer 1892 rund 9.000 Schiffer, Baggerfahrer und Schachtmeister. Trotz anfänglichem Misstrauen gegenüber den Versprechungen des Reiches bezüglich Speiseküchen, Krankenkassen und Wohnungen bewilligte die Königlich Preußische Staatsregierung ab 1895 erhebliche Mittel für Bauvereine in Ellerbek, Friedrichsort und Kiel. Unter der Führung von Persönlichkeiten wie dem damaligen Staatssekretär des Inneren Graf von Posadowsky-Wehner entstanden moderne Wohnlösungen für Arbeiter und Angestellte. Entlang der Baustrecke errichtete die Kanalverwaltung frühzeitig Einzelbaracken sowie Barackenlager zur Entlastung der umliegenden Ortschaften. Die Unterkünfte boten einfache, aber geordnete Verhältnisse: 100 Arbeiter teilten sich ein Schlafhaus, je acht ein Zimmer. Verwalter sorgten für Ordnung, getrennte Schlaf-, Speise- und Wirtschaftsräume sowie die staatlich organisierte Verpflegung sicherten die Versorgung der Bewohner.


Verbesserungen auch auf dem Lande

Bauliche Weiterentwicklungen gab es auch in den Dörfern auf dem Land seit Mitte des 19. Jahrhunderts bei jenen, die über genügend Kapital verfügten. Alte, traditionelle Bautypen wichen mehr und mehr modernen Zweckbauten. Ende der 1870er Jahre hatten die massiven Backsteinhäuser die Fachwerkbauten zahlenmäßig schon überrundet, 15 Jahre später machten diese nur noch gut 25 Prozent des Häuserbestandes aus. Zudem ersetzten allmählich moderne Baumaterialien wie Dachschindeln, Teerpappe oder Blech das lange Zeit übliche, aus Stroh und Reet bestehende Weichdach. 

Auch in der Ausstattung zeigten sich, zuerst bei den wohlhabenden Landwirten in Angeln, Verbesserungen hinsichtlich der Trennung zwischen Wirtschafts- und Wohnbereich. Die Angeliter Dreiseitenhofanlage oder spätere grundlegende Umbauten traditioneller Gebäude wie auch moderne eineinhalb- oder zweigeschossige Neubauten in Dithmarschen waren Ausdruck dieser Entwicklung und des gestiegenen Selbstbewusstseins gut situierter Landwirte.

Derweil hausten Kätner, Tagelöhner und Landhandwerker auch um 1880 noch oft in verwahrlosten, verrauchten und feuchten Katen mit undichten Dächern, auf Lehmfußböden und mit offenem Herdfeuer. Zwar intervenierte die Medizinalpolizei 1872, die staatlichen Kompetenzen der Baupolizei wurden jedoch nicht erweitert, und so dauerte es noch rund zwei Jahrzehnte, bis ein Bewusstseinswandel und in der Folge Verbesserungen eintraten. Arbeiterkaten wurden entweder abgebrochen oder erhielten bei Renovierungen Schornsteine und größere Fenster. Neubauten wurden mit neuen Baustoffen und entsprechend aktualisierten Baugesetzgebungen nach hygienischen und gesünderen Standards errichtet, wodurch sich die Landarbeiterwohnungen auch in der Ausstattung mit Küche, zwei Zimmern sowie einer annehmbaren Möblierung langsam verbesserten. Bei den Einkommensstärkeren unter der Landarbeiterbevölkerung setzte sich, dem städtischen Vorbild folgend, auch hier der Trend zur Aufteilung von privaten Wohn- und allgemeinen Wirtschaftsräumen allmählich durch. Das Plumpsklo im Wirtschaftstrakt blieb allerdings selbst um die Jahrhundertwende oftmals erhalten, ebenso der Brunnen für Brauch- und Nutzwasser, denn der Anschluss an die öffentliche Kanalisation lag vielfach noch Jahrzehnte in der Zukunft.

Vordenker der Selbsthilfe und erste Genossenschaftsgründungen

Zu einer der bedeutendsten Säulen bei der Bekämpfung der Wohnungsnot im Norden Deutschlands entwickelte sich die Bewegung des genossenschaftlichen Bauwesens, von dem wichtige Impulse für den sozialen Kleinwohnungsbau ausgingen. Der Schutz der Mitglieder vor willkürlichen Kündigungen oder die Möglichkeit des Eigentumserwerbs zu günstigen Konditionen hatten hier ihre Wurzeln. Vor dem Hintergrund einer lange Zeit durch den Staat vernachlässigten Wohnraumversorgung der unteren Gesellschaftsschichten und eines überwiegend von Gewinnmaximierung geprägten privaten Wohnungsbaus entwickelten Vordenker wie der Berliner Literaturprofessor und Sozialpolitiker Victor Aimé Huber und der Architekt Carl Wilhelm Hoffmann die Idee, das Wohnungsproblem mittels genossenschaftlicher Selbsthilfeorganisationen zu lösen. Beide waren Mitinitiatoren der 1847 ins Leben gerufenen Berliner Gemeinnützigen Baugesellschaft.


ARBEITERHÄUSER AUF STEINWÄRDER
Im Frühjahr 1862 taten sich auf Steinwärder auf Initiative des Hamburger Kaufmanns, Abgeordneten der Hamburgischen Bürgerschaft und Gründers der Hamburger Volksbank Christoph Anton Balzer 48 Arbeiter und Handwerker aus dem Schiffsbau zusammen, um mit 20 Prozent eigenen Mitteln auf einem von der Finanzdeputation beziehungsweise dem Senat gegen eine jährliche Grundmiete zur Verfügung gestellten Grundstück 28 Wohnhäuser zu errichten. Die Zeitungen berichteten lobend über das Projekt. Besondere Erwähnung fanden nicht nur die solide Finanzierung, sondern auch die Tatsache, dass die Mitglieder durch Vermietung der Hälfte des Hauses nach 25 Jahren im Besitz desselben gelangten und deshalb auch keine Hypotheken auf die Häuser eingeschrieben wurden. Vor allem aber wiesen die Berichte darauf hin, dass es für kleine Gewerbetreibende und Arbeiter einträglicher sei, ihr Geld in Immobilien anzulegen als zu komplizierten Bedingungen bei der Hamburger Sparkasse. Im September 1862 konnte Richtfest gefeiert werden. Der Vorstand der Baugenossenschaft hob in seiner Rede die gute Zusammenarbeit mit den Behörden hervor, die den Bau der Häuser mit je sechs Zimmern und zwei Küchen sowie einem geräumigen Hof oder Garten durch Bereitstellung der Grundstücke maßgeblich gefördert hatten.


Dennoch wirkten die Pioniere in Steinwärder zunächst nicht als stimulierender Anstoß für weitere Baugenossenschaftsgründungen. Erst 1889/90 schwenkte die 1875 zum Zwecke des Holzschiffbaus gegründete Allgemeine Deutsche Schiffszimmerer-Genossenschaft auf den Wohnungsbau um, ihr folgte 1892 der ebenfalls noch heute existierende Altonaer Spar- und Bauverein. Dabei blieben die Platzverhältnisse gerade für vielköpfige Familien auch in den neuen Wohnungen beengt. Das Leben kinderreicher Familien spielte sich im zentralen Raum ab, der Küche, während die gute Stube, als Anklang an das bürgerliche Leben, oft den Festtagen vorbehalten blieb. Die sinnvolle Trennung in Funktionsbereiche war weitgehend noch nicht zu verwirklichen. 

Zunehmend entwickelte sich das Wohnungsthema aber auch zu einem Politikum, wobei sich die herrschenden Gesellschaftsschichten von der Verbesserung der Lebensverhältnisse der Arbeiterbevölkerung auch erhofften, die sich formierende Arbeiterbewegung und ihre Ideen der politischen Partizipation zurückdrängen zu können. 

Impulsgeber der Genossenschaftsbewegung: Peter Christian Hansen

Mit dem von Hermann Schulze-Delitzsch eingebrachten Genossenschaftsgesetz von 1867 wurde eine Unternehmensform geschaffen, die die Selbsthilfe in den Mittelpunkt stellte. Damit war der Weg für Wohnungssuchende geebnet, sich in Baugenossenschaften zusammenzuschließen. Einer, der sich mit der verbesserungsbedürftigen Wohnsituation der Arbeiter in seiner Heimatstadt Flensburg nicht mehr tatenlos abfinden wollte, war der 25-jährige Flensburger Student Peter Christian Hansen. Er informierte sich im Spätsommer 1877 auf einer Studienreise in die nordischen Nachbarländer über dortige Lösungsmöglichkeiten und deren fortschrittlichen Umgang mit der Kleinwohnungsfürsorge. Zurück in seinem Studienort Leipzig verfasste er eine Reihe von Aufsätzen zum Thema und veröffentlichte Anfang 1878 unter dem Titel „Baut Arbeiterwohnungen! Eine Aufforderung an die Städte Schleswig-Holsteins“ eine Abhandlung, die als einer der Kristallisationspunkte der baugenossenschaftlichen Bewegung in Norddeutschland bezeichnet werden kann und die 22 Jahre später in der Gründung des VNW mündete. 


In seiner Schrift kritisierte Hansen das mangelnde Problembewusstsein der gesamten Gesellschaft und lenkte den Fokus auf die desolaten Wohnhäuser in den schleswig-holsteinischen Klein- und Mittelstädten, in denen die Verhältnisse für die Bewohner kaum weniger gesundheitsschädlich, trostlos und ungemütlich waren als in den vielverrufenen Mietskasernen der Großstädte und Industriezentren. Mitunter sah es noch trüber in den Wohnungen aus, die sich auf den Höfen, über und neben Ställen oder gar Düngergruben befanden. Hinzu kamen Arbeitstage von zehn bis zwölf Stunden, Instandhaltungsansprüche der Hauswirte und auch damals schon steigende Mietkosten. Der junge Peter Christian Hansen benannte sehr deutlich die sozialen und politischen Folgen dieser Wohnraummisere, wie Alkoholismus, Unzufriedenheit und Frustration und damit auch die Empfänglichkeit für politische Agitation und Umsturzpläne.

Hansen plädierte dafür, insbesondere vor dem Hintergrund des zu erwartenden weiteren industriellen Aufschwungs, die Dinge umgehend anzupacken und die seinerzeit niedrigen Grundstücks- und Materialpreise zu nutzen. Seine an der Praxis orientierten Reformpläne fußten dabei auf Erfahrungen, die beispielsweise in England gemacht worden waren, wohl wissend, dass dortige Lösungen den hiesigen Umständen anzupassen waren. Konkret wusste er aus Dänemark und Schweden zu berichten, wo er den am 20. November 1865 gegründeten Arbeiterbauverein in Kopenhagen sowie einen als Aktiengesellschaft gegründeten Arbeiterbauverein in Aalborg eingehend studiert hatte. In beiden Fällen, wie auch in Schleswig-Holstein, hätten die Arbeiter, Handwerker und unteren Beamten mit ihrer Teilnahme an Arbeiter- und Bildungs-, an Handwerker-, Kranken- oder Begräbnis- und anderen Unterstützungskassen sowie durch ihre „fleißige Benutzung der Sparkassen“ längst bewiesen, mit wie viel Elan und Einsatzbereitschaft sie dazu bereit waren, an der Verbesserung ihrer eigenen materiellen Lebensumstände mitzuwirken. Warum also sollten sie nicht, wie in Kopenhagen und Aalborg geschehen, auch in Norddeutschland eigene Arbeiterbauvereine gründen? 

Hansen verglich die Baugenossenschaftsgründungen und die dafür notwendige Finanzierung mit den großen Bauvorhaben jener Zeit wie Telegraphenkabel, Eisenbahn- und Dampfschifffahrtslinien und großen Fabrikanlagen, für die Vermögende die notwendigen Kapitalien einsammelten. Zwar bremste er die Erwartungen, dass jedes Mitglied einer Baugenossenschaft sofort ein Eigenheim beziehen können würde, und verwies auf die laufenden Kosten einer eigenen Immobilie, aber die Richtung war vorgegeben. 

Hansen lobte den stabilen Charakter der Arbeiter- und Handwerkerbevölkerung in den meisten Städten Schleswig-Holsteins und lenkte den Blick darauf, dass viele von ihnen einen kräftigen Belegschaftsstamm bei ihren Arbeitgebern bildeten. Zudem befürwortete er eine Dezentralisierung der geplanten Bauten mit dem Argument, dass trotz eines eventuell längeren Arbeitsweges Nutzen und Vorteile eines eigenen schönen Heims in jedem Fall überwiegen würden. Hansen dachte ganzheitlich, warb auch bei wohlhabenderen Bürgern um Unterstützung und schlug vor, Mitgliedsbücher für Bauvereine als Geschenk für die Kinder oder als Kapitalanlage zu nutzen. Er forderte auch Arbeitgeber auf, ihre Angestellten auf die neuen Möglichkeiten des Wohnungserwerbs hinzuweisen. Zur Verbreitung der Idee plädierte er für Kooperationen mit bestehenden Arbeiter-, Handwerker- und Bürgervereinen.



HANSENS LEITFADEN EINER BAUGENOSSENSCHAFTSGRÜNDUNG
Schlussendlich präsentierte Hansen praktische Ratschläge zur Gründung einer Baugenossenschaft, die im Prinzip auch heute noch bei solchen Vorhaben zugrunde gelegt werden. 

Ausgehend von dem Gedanken, mit bescheidenen Mitteln das Größtmögliche erreichen zu wollen, schlug er allgemeine Versammlungen vor, aus denen ein Ausschuss zur Festlegung von Grundprinzipien und Statuten hervorgehen sollte. Dieser Ausschuss sollte frühzeitig Baupläne, Kostenvoranschläge und Vergleichszahlen einholen sowie den Kontakt zu anderen Genossenschaften, Sachverständigen und potenziellen Unterstützern suchen. Gute Beziehungen zu Finanziers wie Vorschuss- und Leihanstalten waren ebenfalls zentral. Er plädierte für erfahrene Mitglieder in den Führungspositionen, so etwa einen tüchtigen Architekten, ein paar geschickte Handwerker und einen Arzt, der sich auf das gesunde Wohnen verstand.

Solide finanzielle Mittel und ein Reservefonds waren für Hansen unverzichtbar, um Risiken zu minimieren. Er mahnte zu Sorgfalt bei Kreditoperationen, strikter Kostenkontrolle und einer ordentlichen Buchhaltung. Zudem betonte er die Bedeutung pünktlicher Einzahlungen und realistischer Tilgungspläne, orientiert am Kopenhagener Verein mit einer jährlichen Rate von 2 Prozent, die für Mitglieder erschwinglich war.




Die erste Baugenossenschaft, die auf der Basis dieses Leitfadens entstand, war der 1878 gegründete Flensburger Arbeiterbauverein. Dieser finanzierte seine Bauten ausschließlich aus Mitteln der eigenen Mitglieder und wurde Vorbild für viele weitere Baugenossenschaftsgründungen, zunächst in Hannover und Berlin. Doch trotz dieses erfolgreichen Anfangs gelang es in den nächsten zehn Jahren nicht, auch an anderen Orten in Schleswig-Holstein vergleichbare Einrichtungen zu gründen.

Sinnvolle Gesetze und doch viel Skepsis

Einen gewaltigen Umschwung zugunsten der Sache brachte zum einen das abgeänderte Genossenschaftsgesetz vom 1. Mai 1889. Mit der nunmehr geltenden beschränkten Haftpflicht wirkte es als ein außerordentliches Fördermittel, ohne das sich die baugenossenschaftliche Bewegung wohl nicht in der bekannten Weise entwickelt hätte. Darüber hinaus schuf das am 1. Januar 1891 in Kraft getretene Gesetz betreffend die Invaliditäts- und Altersversicherung fortan die Möglichkeit, für die Errichtung von Wohnungen aus den Mitteln der Versicherungsträger, der Landesversicherungsanstalten, Menschen mit geringem Einkommen Baugelder zu einem ermäßigten Zinssatz zu gewähren. Hauptinitiator dieses Gesetzes war der frühere Reichstagsabgeordnete Karl Schrader. Maßgeblichen Einfluss auf die weitere positive Entwicklung hatte auch der ehemalige Vorsitzende der Landesversicherungsanstalt Schleswig-Holstein, Landeshauptmann von Graba, der die Grundsätze der Darlehensvergabe konzipierte. Er sorgte zudem von Anfang an für die zügige Anwendung des neuen Gesetzes und dafür, dass die Landesversicherungsanstalt Schleswig-Holstein von 1892 bis 1910 den Baugenossenschaften Darlehen in Höhe von rund 8,4 Millionen Mark gewährte. 

Beginnend mit dem 1890 gegründeten zweiten Bauverein in der Provinz Schleswig-Holstein, dem Arbeiterbauverein für Gaarden, Kiel und Umgebung, basierten auch alle nachfolgenden Bauvereinsgründungen auf diesen gesetzlichen Grundlagen: seit 1891 und 1892 der Arbeiterbund in Neumünster und der Altonaer Spar- und Bauverein, seit 1894 die Vereine in Schleswig, Husum und Elmshorn, ein Jahr später der Verein in Itzehoe. 1896 folgten Genossenschaften in Heide und in Wesselburen, im Folgejahr in Wandsbek und 1898 in Dietrichsdorf, Meldorf, Glückstadt sowie Oldesloe. Im Jahr vor der Verbandsgründung erweiterte sich der Kreis auf Bauvereine in Brunsbüttelhafen und Hadersleben, in Flensburg und in Nienstädten. Im Jahr 1900 schließlich kamen die beiden Bauvereine für den Kaiser-Wilhelm-Kanal zu Holtenau und Brunsbüttel sowie weitere Vereine in Kiel, Eckernförde und Mölln hinzu, sodass vor der Verbandsgründung 28 Baugenossenschaften existierten.

Der größere Anteil von ihnen richtete sich darauf aus, die von ihnen erbauten, meist kleineren Häuser allmählich in das Eigentum der sie bewohnenden Vereinsmitglieder übergehen zu lassen. Bei anderen blieben vor allem größere Häuser dauerhaft im Eigentum der Genossenschaft, die sie an ihre Mitglieder vermietete. 

Die Entwicklung des genossenschaftlichen Kleinwohnungsbaus im Norden war allerdings noch stark von örtlichen Gegebenheiten begrenzt. Trotz verbesserter gesetzlicher Rahmenbedingungen und staatlicher Förderung stieß die baugenossenschaftliche Bewegung häufig auf die Skepsis privater Eigentümer und kommunaler Verwaltungen. Im Vergleich zur Rheinprovinz, wo Kooperationen zwischen Landesversicherungsanstalt, Kommunen und Baugenossenschaften erfolgreich waren, zeigte sich im Norden oft Gleichgültigkeit oder Ablehnung. Maßnahmen wie eine auf Arbeiterbedürfnisse abgestimmte Bodenpolitik, Steuererleichterungen oder Unterstützung bei Infrastrukturkosten blieben selten. Hauptgrund für das zögerliche Engagement der Gemeinden war ihre angespannte finanzielle Lage, da sie mit vielfältigen neuen Herausforderungen konfrontiert waren. Erst 1901 förderte ein ministerialer Erlass die Zusammenarbeit zwischen Baugenossenschaften, Kommunen und der Landesversicherungsanstalt.

Mit dem Wandel zum Besseren in Richtung Gründung

Die auf Selbsthilfe und Eigenverantwortung basierenden Baugenossenschaften entwickelten sich zu einem entscheidenden Faktor innerhalb der Wohnungswirtschaft. Ihrem sozialpolitischen Wirken ist es zu verdanken, dass die baugenossenschaftliche Bewegung Schleswig-Holsteins eine reichsweit anerkannte Bedeutung erlangte, das genossenschaftliche Bauen auch nach dem Ersten Weltkrieg fortgeführt wurde und sich zumindest auf diesem Gebiet Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten einer gemeinsamen Sache verschrieben: der Versorgung mit gutem, gesundem Wohnraum. Der Flensburger Arbeiterbauverein diente hier als Vorbild, wo in Pionierarbeit neben vielen Arbeitern auch selbständige Gewerbetreibende, Handwerker, Kaufleute und Fabrikanten sowie kleine Beamte das Projekt Baugenossenschaft tatkräftig vorantrieben. Sie und die ihnen nachfolgenden Baugenossenschaften waren Akteure des Fortschritts. Ungeachtet der fortdauernden Unterschiede bei Größe und Ausstattung gerade im Vergleich zum bürgerlichen Wohnen verhalfen sie unzähligen Menschen zu einem wohnlichen eigenen Zuhause.

Überall im Norden fanden sich immer mehr Unterstützer für die wirtschaftlichen und lebensweltlichen Belange der Arbeiterklasse und ihrer Wohnungsbauprojekte. Die neuen Wohngebäude beeinflussten mit ihren Mitgliederwohnungen indirekt den Markt und auch die allgemeinen Mietpreise, was insgesamt die Qualität der Wohnungen verbesserte und somit zu einem Nutzen für einen viel größeren Bevölkerungskreis führte. Was den Bauvereinen allerdings noch fehlte, war eine gemeinsame Interessenvertretung zum Informationsaustausch, zur Koordination nach innen, als Ratgeber und Vermittler und als zentrale Verbindungsstelle in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft: ein gemeinsamer Verband.