Demokratie beginnt im Treppenhaus

Dort, wo Menschen zusammenkommen, entsteht Demokratie: in Nachbarschaften, Quartieren, Vereinen, Schulen, bei der Arbeit. Die Bergedorf-Bille-Stiftung widmet sich der Stärkung der Demokratie im Alltag. Geschäftsführerin Cornelia Springer-Fouad und der Vorstand der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Bergedorf-Bille eG, Marko Lohmann, geben im Interview Einblick in ihre Arbeit.

Das Vertrauen in politische Institutionen sinkt – welche Rolle können Nachbarschaften, Vereine, Genossenschaften und lokale Initiativen für eine lebendige Demokratie spielen – und wie will Ihre Arbeit dort ansetzen?

Mein Eindruck ist, dass sich weltweit, auch in Hamburg, eine gesellschaftliche Stimmung breit gemacht hat, die stark auf Polarisierung setzt. Es ist ein Stück weit das Miteinander, das Diskursführen verloren gegangen. Als Wohnungsbaugenossenschaft nehmen wir wahr, dass die Kommunikation konfrontativer geworden ist. Ich sehe da eine Wechselwirkung zwischen dieser veränderten gesellschaftlichen Haltung und dem Misstrauen in politische Institutionen. Auch uns Genossenschaften gegenüber wird Misstrauen geäußert. Deswegen müssen wir allein schon aus eigenem Interesse daran arbeiten, deutlich zu machen, dass sich unsere Genossenschaft aus gelebter Demokratie speist. Aber auch gelebte Demokratie hat Spielregeln, die im Umgang untereinander beachtet werden müssen.

2024 veröffentlichte Correctiv die Recherche zum „Geheimplan gegen Deutschland“ – das war für uns die Initialzündung. Wir haben uns gefragt, was wir konkret vor Ort tun können, um Menschen besser zu vernetzen und dem Rechtsruck etwas entgegenzusetzen. Deshalb haben wir zunächst sehr niedrigschwellig eine Art Bürgerinitiative gestartet und mit vielen Menschen gesprochen. Uns ging es darum zu verstehen, was sie bewegt, warum sie zweifeln und hadern. Dabei sind uns teils starke Ressentiments und grundlegende Kritik an der Regierung begegnet. Das hat bei uns die Frage aufgeworfen, was das für unsere Nachbarschaften bedeutet – und welche Rolle wir als Genossenschaftsstiftung einnehmen können, um den Gemeinsinn zu stärken. Wir fördern gezielt Begegnung, indem wir Räume zur Verfügung stellen und konsumfreie Orte schaffen, an denen Menschen zusammenkommen und ihre Freizeit gestalten können. Wir sind überzeugt: Solche Begegnungsräume sind ein wichtiger Baustein für eine lebendige Demokratie. Gleichzeitig haben wir gemerkt, dass auch hier Herausforderungen bestehen – denn ein respektvolles Miteinander ist nicht selbstverständlich.

Marko Lohmann Geschaefsfuehrender Vorstand Bergedorf-Bille L1100909

Marko Lohmann

Wie äußert sich denn die angesprochene konfrontative Kommunikation in den Nachbarschaften im Alltag?

Der Dialog der Mitglieder untereinander in den Quartieren ist rauer geworden. Das merken wir an der Art und Weise, wie Beschwerden über Nachbarschaften vorgetragen werden – in einer Schärfe, die uns bei der anderen Partei nachfragen lässt. Auch in den Treffpunkten gibt es gelegentlich Vorkommnisse – Diskriminierungen, Vorurteile –, bei denen wir merken, dass wir etwas tun müssen, um zu einer gemeinsamen Haltung im Sinne des Grundgesetzes zurückzukommen. Doch die Ängste sind groß. Im Rahmen einer Veranstaltung, auf der wir mit Einzelhändlern aus der Bergedorfer Einkaufsstraße über Wirtschaftsthemen diskutieren wollten, war das Feedback sehr gering. Es hieß, unser Logo „Bergedorf blüht für Demokratie“ würde man ungern ins Schaufenster hängen, weil das einem Teil der Kundschaft nicht gefallen könnte. Diese Haltung hat mich erschreckt und war für uns ein Alarmzeichen. Da muss etwas passieren.

Unsere Bürgerinitiative hat über einen Sommer hinweg viel Aufmerksamkeit erzeugt, beruhte jedoch stark auf ehrenamtlichem Engagement. Um nachhaltiger und wirksamer arbeiten zu können, haben wir uns daher erfolgreich um eine Förderung im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend beworben. Dadurch verfügen wir heute über deutlich bessere Ressourcen. Ein Ziel ist es, verstärkt Kooperationen mit der lokalen Wirtschaft aufzubauen – was sich in Bergedorf allerdings als herausfordernd erweist. Wir nehmen vor Ort eine große Verunsicherung wahr, wenn es darum geht, sich offen zur Demokratie zu bekennen – etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte. Viele zögern, klar Stellung zu beziehen.

Dabei ist ein demokratisches Miteinander ja erst einmal gar nicht parteipolitisch…

Für uns ist das ein zentraler Punkt: Wir formulieren bewusst positiv. Wir sagen, wofür wir stehen – nämlich für die Stärkung der Demokratie – und nicht in erster Linie, wogegen wir sind. Das heißt aber nicht, dass wir extremistische Positionen ausblenden, sondern dass wir versuchen, Menschen über gemeinsame Werte zu erreichen. Auf dieser Grundlage vernetzen wir uns auch mit bestehenden Initiativen wie den „Omas gegen Rechts“ und gehen in den Austausch. Gleichzeitig gilt: Instrumente entfalten nur dann Wirkung, wenn sie auch konsequent genutzt werden. Hier sehen wir uns als Genossenschaft und Stiftung in der Verantwortung, diese Ansätze – auch mithilfe der Förderung aus dem Bundesprogramm – weiter mit Leben zu füllen.

Ganz konkret: Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, welche Formate funktionieren vor Ort besonders gut?

Wir erleben, dass viele Menschen derzeit mit ganz anderen Themen beschäftigt sind als mit der Frage, wo sie ihr Kreuz machen. Deshalb setzen wir bewusst niedrigschwellig an und gehen aktiv auf sie zu. Durch das Bundesprogramm verfügen wir über einen Aktionsfonds, mit dem wir Projekte von Einzelpersonen, Initiativen und Vereinen im Bezirk unterstützen können – etwa ein interkulturelles Straßenfest oder Awareness-Workshops für Ehrenamtliche, die sich beim Wutzrock-Festival engagieren. Solche Formate schaffen Begegnung und helfen, Vorurteile abzubauen. Unser Ansatz ist: Durch Beteiligung entsteht demokratisches Handeln. Der Aktionsfonds hat sich dabei als sehr wirksam erwiesen – oft reichen schon kleine Beträge, um Nachbarschaften und ehrenamtliches Engagement spürbar zu stärken. Ergänzend bieten wir Workshops an, zum Beispiel zu Themen wie KI und Demokratie oder Islam und Islamismus, und organisieren Rundgänge durch Bergedorf, bei denen wir die Migrationsgeschichte des Bezirks sichtbar machen. Gleichzeitig entscheiden wir die Mittelvergabe in einem Gremium gemeinsam, sodass unterschiedliche Perspektiven einfließen und echte Diskussion entsteht. So wächst nach und nach ein breites Bündnis, in dem Verwaltung und Zivilgesellschaft auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Insgesamt erleben wir dabei ein konstruktives Klima und versuchen gezielt Themen zu setzen, an die möglichst viele Menschen anknüpfen können.

Wie werden speziell junge Menschen eingebunden?

Ursprünglich war ein gewähltes Jugendparlament geplant. Im Prozess haben wir jedoch gemerkt, dass ein offeneres Format besser zu den Bedarfen vor Ort passt. Deshalb entwickeln wir aktuell ein Jugendforum, in dem Jugendliche selbst Themen setzen, eigene Projekte anstoßen und diese gemeinsam mit Verwaltung und Politik auf Augenhöhe umsetzen können. Dafür stellen wir gezielt Mittel aus dem Aktionsfonds bereit. Flankierend bieten wir Qualifizierungsangebote an, etwa zu Projektmanagement oder Moderation, um die Jugendlichen in ihrer Selbstorganisation zu stärken. Langfristig soll das Format eigenständig getragen werden, befindet sich aber noch im Aufbau und braucht kontinuierliche Begleitung. Unsere Erfahrung ist: Politisches, selbstwirksames Handeln entsteht nicht von allein – es braucht Anstöße, Räume und Unterstützung. Gleichzeitig sehen wir deutlich, dass das Interesse und der Wunsch nach Mitbestimmung bei jungen Menschen sehr wohl vorhanden sind.

Aus Sicht der Genossenschaft beginnt Demokratie im Kleinen – im Treppenhaus, im direkten Miteinander im Quartier. Sie wird dort erlebbar, wo Menschen sich begegnen und austauschen. Gleichzeitig sehen wir, dass sich nicht alle gleichermaßen angesprochen fühlen oder beteiligen. Gerade Menschen, die dem politischen System skeptisch oder kritisch gegenüberstehen, sind oft schwer zu erreichen. Umso wichtiger ist es für uns, Angebote zu schaffen, die niedrigschwellig sind und unterschiedliche Perspektiven einbeziehen. Beim genannten Bundesförderprogramm haben wir mit einer Demokratiewerkstatt gestartet. Für mich hatte das etwas von einer Graswurzelbewegung. Wir haben versucht, möglichst viele Multiplikatoren zu gewinnen, die Lust haben, das Thema in ihrem Umfeld weiterzutragen. Mein Wunsch wäre, dass jede dieser Personen im Laufe der Jahre weitere Institutionen, Nachbarinnen und Nachbarn dazu holt. Wenn das gelingt, dann gelingt auch das, was wir eigentlich mit diesem Programm vorhaben: das Bewusstsein dafür stärken, dass Genossenschaft als demokratische Unternehmensform – und damit auch Demokratie an sich – toll sind, weil man durch sie Selbstwirksamkeit erfährt. Die Teilnehmenden sollen positive Erfahrungen machen. Davon profitieren wir als Genossenschaft am Ende auch wieder selbst.

"Demokratie hat Spielregeln, die ihr auch untereinander beachten müsst." – Marko Lohmann wird deutlich.

Die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Karin Prien hat Kürzungen im Programm „Demokratie leben!“ angekündigt, von denen rund 200 Initiativen betroffen sein sollen. Wie bewerten Sie das – und was wäre aus Ihrer Sicht jetzt wichtig?

Aus unserer Sicht ist es kontraproduktiv, ausgerechnet dort zu kürzen, wo Demokratie im Alltag gestärkt wird. Programme wie „Demokratie leben!“ schaffen konkrete Räume für Begegnung, Beteiligung und Zusammenhalt – genau das, was wir in der aktuellen gesellschaftlichen Lage dringend brauchen. Wichtig wäre stattdessen, diese Arbeit verlässlich zu fördern und langfristig abzusichern. Demokratie entsteht nicht von allein – sie braucht kontinuierliche Unterstützung vor Ort, stabile Strukturen und die Menschen, die sie tragen.

Der genossenschaftliche Gedanke „Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele“ steht für Solidarität und sozialen Zusammenhalt. Gleichzeitig fühlen sich viele Menschen einsam. Und Einsamkeit schwächt laut einer Umfrage im Auftrag der Bertelsmann Stiftung das Vertrauen in Demokratie und Politik. Wer sich dauerhaft ausgeschlossen fühlt, ist demnach empfänglicher für populistische oder extremistische Positionen. Was kann die soziale Wohnungswirtschaft, was kann jede und jeder Einzelne konkret dagegen tun?

Wir sehen diese Einsamkeit, wenn wir zum Beispiel Wohnungen zurückbekommen. Da hat man schon häufiger den Eindruck, dass dort lange niemand mehr zu Gast gewesen ist. Das hat leider zugenommen. Und egal, ob das junge oder alte Menschen betrifft, es wirkt sich auf das Miteinander aus. Sie bleiben in ihrer Blase, informieren sich teils nur noch über soziale Medien und radikalisieren sich eher als andere Menschen in verschiedene Richtungen, religiös und politisch.

Einsamkeit ist kein privates Schicksal, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung, die wir unbedingt ernst nehmen müssen – auch weil sie den Zusammenhalt gefährdet. Wer sich nicht zugehörig fühlt, wird anfälliger für einfache Angebote, die Gemeinschaft versprechen, oft verbunden mit ausgrenzenden Bildern. Umso wichtiger sind simple Lösungen im Alltag. Man kann zum Beispiel mit Nachbarn vereinbaren, dass die Fußmatte abends aufgestellt und morgens wieder hingelegt wird – oder das Rollo nachts zu und morgens wieder auf ist – kleine Zeichen, die zeigen: Jemand ist da und es geht ihm gut. Solche einfachen Formen der Aufmerksamkeit können viel bewirken.

Wir brauchen Sichtbarkeit für das Thema Einsamkeit. Ein kurzer Gruß im Treppenhaus reicht ja oft schon für den Anfang und kostet nichts. Da kann jeder mitmachen. Wohnungsunternehmen können ihre Räumlichkeiten für gemeinsame Aktivitäten anbieten. Es gibt mehr als 100 Gemeinschaftsräume von Genossenschaften in Hamburg, da sehe ich Potenzial für viel mehr Aktionen.

Ich würde mir wünschen, dass wir in Hamburg eine abgestimmte Landesstrategie gegen Einsamkeit hinbekommen und die verschiedenen Ebenen dazu vernetzen. Das würde dem Thema die nötige Aufmerksamkeit geben.

Das Gespräch führte Anne Klesse.