Was bedeutet für die TRAVE Klimaneutralität?
Wir müssten bis zum Jahr 2035 den derzeitigen jährlichen Ausstoß an Kohlendioxid in Höhe von 27 Kilogramm pro Quadratmeter Wohnfläche und Jahr für unsere Mietwohnungen auf nur noch fünf bis sieben Kilogramm reduzieren.
Was würde das die TRAVE kosten?
Wir müssten überschlägig rund 837 Millionen Euro investieren. Wir haben rund 8.600 Wohnungen im Bestand. Davon müssten rund 6.000 in nur 12 Jahren in irgendeiner Weise energetisch angefasst werden.
Ist das bis zum Jahr 2035 zu schaffen?
Ohne eine massive staatliche Förderung sicherlich nicht. Starke Mieterhöhungen kommen für uns nicht in Frage. Zum einen, weil wir ein am Gemeinwohl orientierter Vermieter sind und unserer Mieterinnen und Mieter massive Mieterhöhungen auch gar nicht bezahlen könnten. Zum anderen setzt das Mietrecht klare Grenzen für Erhöhungen.
Es ist also nicht zu schaffen?
Wir müssten unser derzeitiges jährliches Investitionsvolumen verdoppeln - von 40 auf 80 Millionen Euro. Bei einem Jahresüberschuss von rund drei Millionen Euro ist eine derartige Investitionssumme utopisch.
Ganz generell oder nur in der Kürze der Zeit?
Bis zum Jahr 2045 schaffen wir Klimaneutralität durchaus aus eigener Kraft, auch wenn es anstrengend wird. Bis zum Jahr 2040 - das war der Termin vor dem Bürgerbegehren - wäre es schwierig geworden, aber nicht unmöglich. Die Vorverlegung auf das Jahr 2035 aber macht es aus heutiger Perspektive unmöglich.
Es sei denn, Sie drehen an der Mietenschraube.
Derzeit liegt unsere durchschnittliche monatliche Nettokaltmiete bei Sozialwohnungen, aber auch im frei finanzierten Bestand, bei etwas über sechs Euro Wir müssten diese Mieten früher und deutlicher als geplant anheben, was niemand will. In Lübeck fehlt es ohnehin an günstigen Mietwohnungen. Da ist nicht viel Spielraum.
Aber irgendwo muss das Geld für die Investitionen ja herkommen. Oder haben Sie einen Geldsack im Keller stehen?
Nein, leider nicht und die Hansestadt Lübeck als unserer Gesellschafter steht zwar finanziell wieder ganz gut dar, aber die muss ja selbst mit ihrem Gebäudebestand klimaneutral werden. Aber auch wenn wir das Geld hätten: Es fehlt an Planern, Unternehmen und Fachkräften, die die Sanierungsarbeiten innerhalb dieser kurzen Zeit umzusetzen könnten.
Wie sind Sie auf die hohe Investitionssumme gekommen?
Wir haben im Rahmen einer aufwändigen Untersuchung unseren gesamten Gebäudebestand analysiert und alle Verbräuche ausgewertet. Das Ergebnis: Von unseren 8.600 Wohnungen sind rund 2.700 - energetisch gesehen - in gutem Zustand, müssen also nicht angefasst werden. Alle anderen Wohnungen müssen in unterschiedlicher Tiefe energetisch saniert werden, dazu haben wir Kostenannahmen getroffen und hochgerechnet.
Wie gehen Sie jetzt vor? Experten raten, sich zuerst jene Gebäude anzuschauen, die die größten „Energieschleudern“ sind.
So haben wir es auch gemacht. Wir untersuchen jetzt alle Gebäudebestände der Effizienzklassen F bis H noch vertieft. Das sind zunächst zwölf Quartiere mit jeweils bis zu 200 Wohnungen. Wir haben verschiedene Planungsbüros beauftragt, die jetzt die genauen Kosten ermitteln und Zeitpläne aufstellen sollen. Und wir suchen nach baulich und technisch einfacheren, übertragbaren Lösungen.
Wird das reichen?
Wir setzen große Hoffnung auf die Versorgung mit regenerativ erzeugter Fernwärme. Das scheint mir ohnehin der zentrale Schlüssel zu sein, im Gebäudebestand die Klimaneutralität - wann auch immer - zu erreichen. Wir hoffen, dass die kommunale Wärmeplanung der Hansestadtbis Jahresende vorliegt, und wir stimmen uns schon jetzt mit den Stadtwerken Lübeck zum Ausbau der Fernwärme ab.
Bleibt der Neubau auf der Strecke?
Ich hoffe nicht. Aber zur Ehrlichkeit gehört, dass angesichts der Herausforderung, die Klimaneutralität möglichst schnell zu erreichen, dafür kaum mehr Geld übrigbleibt. Es sei denn, es gibt zusätzliches Geld von der Stadt oder vom Land. Aber die Herausforderung trifft uns ja alle gleichzeitig, insofern müssen wir wohl doch eigene Lösungen – auch für künftigen Neubau – finden. Hoffnung machen uns dabei einfachere Standards und technische Innovationen mit weniger Materialeinsatz, damit wir das verfügbare Geld wirklich sinnvoll und für eine echte Emissionsreduktion investieren können.