VNWmagazin 2_2025
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Das bisherige Verständnis von Nachhaltigkeit hat ausgedient

Das „Cradle to Cradle“-Prinzip erfordert ein komplettes Umdenken

Von Anne Klesse

Nachhaltigkeit sei innovationsfeindlich, sagt Michael Braungart, Professor für Eco-Design an der Leuphana Universität Lüneburg. „Sie optimiert das Bestehende – aber so wird das Bestehende umso gründlicher falsch.“ Nachhaltigkeit sei kundenfeindlich, denn unter ihrem Label wird für Verzicht geworben, „wir denken, wir schützen die Umwelt, wenn wir sie etwas weniger zerstören, aber das reicht nicht“, so Braungart. Chemiker Braungart, der auch wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Umweltinstituts ist, setzt sich seit zweieinhalb Jahrzehnten dafür ein, Produkte und Produktionsprozesse so zu gestalten, dass Verschwendung kein Problem ist – oder der Mensch sogar mit allem, was er tut und konsumiert anderen Stoffkreisläufen nutzt. Für seine Ideen und Verdienste auf dem Gebiet der Kreislaufwirtschaft wurde er 2022 mit dem Ehrenpreis des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Design ausgezeichnet.

Nachhaltigkeit ist innovationsfeindlich. Sie optimiert das Bestehende – aber so wird das Bestehende umso gründlicher falsch.“ 

Ende der 1990er-Jahre hatte er zusammen mit dem US-Architekten William McDonough das „Cradle to Cradle“-Konzept entwickelt. Der Name heißt übersetzt „Von Wiege zu Wiege“ und meint Produkte, die in zwei Stoffkreisläufen funktionieren – dem biologischen für Verbrauchsprodukte und dem technischen für Gebrauchsprodukte. In ihnen gibt es keinen unnützen Abfall, sondern ausschließlich nützliche Rohstoffe. Sein Prinzip soll für Innovation, Qualität und gutes Design stehen, alle Inhaltsstoffe sind chemisch unbedenklich und kreislauffähig. Etwa 1000 Produkte weltweit sind danach aktuell zertifiziert, darunter ein Cashmere-Pullover von Ralph Lauren und ein Lautsprecher von Bang & Olufsen, aber auch Hunderte Baumaterialien wie speziell beschichtetes Glas, Stahlträger oder Kalkmörtel. Die Baubranche ist laut Braungart eine der Schlüsselsektoren seines Prinzips. Die Kriterien zur Zertifizierung umfassen neben Kreislauffähigkeit und Klimaschutz den verantwortungsvollen Umgang mit Boden und Wasser, Materialgesundheit und soziale Gerechtigkeit.

Unter „Cradle to Cradle“-Gesichtspunkten (kurz C2C) sollten Materialien im Sinne einer vollkommenen Kreislaufwirtschaft direkt wiederverwendet werden können. „Es gibt viele Produkte, die als solche schon ,Cradle to Cradle‘ sind, weil sie aus der Natur kommen“, so Leuphana-Professor Braungart. Gips beispielsweise, ein Mineral, das im Harz abgebaut wird und ohne Qualitätseinbuße unendlich oft wieder benutzt werden kann, solange er nicht mit anderen Materialien vermischt wird. „Abfall als Designerprinzip abzulegen bedeutet, Produkte, Verpackungen und Systeme von Anfang an unter der Voraussetzung zu konzipieren, dass Abfall überhaupt nicht vorkommt“, sagt Braungart. Also: statt energieintensivem Recycling lieber gleich auf Stoffe setzen, die kompostierbar sind und nach ihrer Nutzungszeit der Umwelt Nährstoffe zurückgeben.

In diesem Sinne „sensationell“ findet Braungart beispielsweise Ansätze des Lüneburger Herstellers von Arbeitsschutz-Handschuhen UVEX. Nachhaltigkeitsmanagement spiele dort seit Jahren eine große Rolle, 2016 stellte das Werk am Standort Lüneburg mit grünem Strom auf CO2-Neutralität um, auch ein eigenes Blockheizkraftwerk für bessere Energieeffizienz wurde angeschafft. Lösungsmittel werden seit 2012 nicht mehr genutzt, die komplizierte Polymer-Beschichtung der Handschuhe ist wasserbasiert. Für die hauseigene „Protecting Planet“-Produktserie wurden Handschuhe aus Bambusfasern und recyceltem Polyamid entwickelt, die einen reduzierten CO2-Fußabdruck haben und unter strikten Anforderungen an Schadstoff- und Wassermanagement hergestellt wurden. Die Träger der 15 Millionen Handschuhe, die pro Jahr hergestellt werden und die beispielsweise in der Metallverarbeitung arbeiten, müssten keinerlei ungesunde Auswirkungen auf ihre Haut fürchten. Gebrauchte Handschuhe werden zurückgenommen und aufgearbeitet. 

Eco Design-Professor Braungart will sich weiter für solch ein grundsätzliches Umdenken einsetzen. „Für den bisherigen Ansatz, die Bedürfnisse der jetzigen Generation zu erfüllen, ohne den künftigen zu schaden, sind wir viel zu viele Menschen auf der Erde“, ist er überzeugt. Die steigenden Berichtspflichten für Unternehmen im Sinne der Nachhaltigkeit seien innovationsfeindlich, da in der Folge lediglich Bestehendes optimiert werde. Und: Auch recyceltes Plastik bleibt Plastik, das aus Erdöl gewonnen wurde, aber in der Praxis oft zu verschmutzt oder nicht mehr sortenrein trennbar sei, um zu Öl verwandelt zu werden.

„Wir werden eine Industrie nach der anderen verlieren, wenn wir unsere Wirtschaft nicht ändern.“ 

Europa habe durch falsche Weichenstellungen den Anschluss verpasst, aber „nun haben wir 50 Jahre lang Weltuntergangsdiskussionen geführt, das können wir jetzt in Innovation umsetzen“, so Braungart. Er teilt Produkte in drei Kategorien ein: Verbrauchsgüter wie Shampoo oder Verpackungen – sie könnten aus biologischen Nährstoffen gefertigt werden. Gebrauchsgüter wie Autos enthalten seiner Definition nach „technische Nährstoffe“ – sie sollten lediglich als Service bereitgestellt werden und nach Ablauf ihrer Gebrauchszeit in ihre einzelnen Bestandteile zersetzt werden können. Die dritte Kategorie sind Güter, die nicht mehr zu vermarkten seien, etwa gefährlicher Abfall. Sie sollten laut Braungart so schnell wie möglich ersetzt werden.

Dafür sind jedoch neue Geschäftsmodelle nötig. Qualitativ hochwertige europäische Produkte konkurrieren seit langem mit billigeren Kopien aus Fernost, die aber schnell kaputt gehen, so Braungart. Statt Wärmepumpen zu verkaufen, könnten Unternehmen das Recht auf Wärme verkaufen – der Hersteller behalte so sein Eigentum und verkaufe nur das Nutzungsrecht. Braungarts Hoffnung: Die Produkte werden möglichst wenig wartungsanfällig hergestellt – und die Kundschaft bekommt beste Qualität zu einem verlässlichen Preis. Braungart ist überzeugt: „Wir werden eine Industrie nach der anderen verlieren, wenn wir unsere Wirtschaft nicht dementsprechend ändern.“

Michael Braungart ist Professor für Eco-Design an der Leuphana Universität Lüneburg.