Editorial

Verbandsdirektor
Andreas Breitner
Liebe Leserinnen, liebe Leser
wer sich mit der Zukunft des bezahlbaren Wohnens beschäftigt, sollte den Blick nicht allein auf den Neubau richten. Die eigentliche Herausforderung liegt im Bestand. Denn der überwiegende Teil der Wohnungen, in denen die Menschen in Norddeutschland heute leben, steht bereits. Wenn Hamburg 2040 klimaneutral sein will, entscheidet sich der Erfolg der Energiewende vor allem in den bestehenden Quartieren.
Deshalb brauchen wir jetzt den nächsten vernünftigen Schritt: So wie der Hamburg-Standard bereits dazu beiträgt, den Neubau einfacher und kostengünstiger zu machen, brauchen wir nun einen vergleichbaren Standard für die Sanierung. Die energetische Modernisierung muss schneller, einfacher und wirtschaftlicher werden. Sonst geraten die ambitionierten Klimaziele ebenso in Gefahr wie bezahlbare Mieten. Solch ein Konzept wäre, wie der Hamburg-Standard, sicher auch für andere Bundesländer interessant.
Unsere aktuellen Zahlen zeigen, warum. Während die Investitionen in den Neubau zurückgehen, fließt immer mehr Geld in den Gebäudebestand, weil die Anforderungen an die Energiewende stetig wachsen. Für 2026 sind rund 480 Millionen Euro für Sanierungen und Modernisierungen vorgesehen, rund 80 Millionen mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig sinken die geplanten Investitionen in den Neubau um denselben Betrag auf etwa 440 Millionen Euro.
Das ist richtig und notwendig, aber eben auch richtig teuer. Zugleich stehen unsere Unternehmen unter erheblichem Kostendruck, denn auch bei der Sanierung sind die Preise in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Wenn wir Klimaschutz und bezahlbares Wohnen zusammenbringen wollen, müssen alle Beteiligten daran mitwirken, Verfahren zu vereinfachen, Standards zu überprüfen und unnötige Kosten zu vermeiden. Sanieren muss einfacher, schneller und günstiger werden. Jeder Euro, der durch intelligentere Vorgaben eingespart wird, schafft zusätzlichen Spielraum für Investitionen. Der Hamburg-Standard für den Neubau zeigt, bereits, welches Potenzial in klugen Vereinfachungen stecken kann.
Genauso wichtig sind verlässliche Rahmenbedingungen. Wer von sozialen Wohnungsunternehmen Milliardeninvestitionen erwartet, darf ihnen diese Investitionen nicht gleichzeitig erschweren. Zusätzliche Eingriffe in das Mietrecht oder gar ein Mietendeckel würden ihren finanziellen Spielraum weiter einschränken, denn die Miete ist die einzige Einnahmequelle, die Bestandshalter haben.
Unsere Mitgliedsunternehmen zeigen jeden Tag, dass wirtschaftliches Handeln und soziale Verantwortung zusammengehören. Sie vermieten ihre Wohnungen in Hamburg zu durchschnittlich 7,69 Euro pro Quadratmeter und liegen damit trotz eines geringen Anstiegs von einem Prozent gegenüber dem Vorjahr deutlich unter dem Hamburger Mietenspiegel von 9,94 Euro.
Es gibt bereits echte Leuchtturmprojekte: Gerade erst habe ich zum Beispiel das Quartier Dünenweg in Hamburg-Lohbrügge besichtigt. Mit rund 500 Wohnungen eines der größten Quartiere der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Bergedorf-Bille eG, wurde es für 35 Millionen Euro klimagerecht, resilient und lebenswert modernisiert: Etwa die Hälfte des Wärmebedarfs wird dort künftig über Geothermie und Wärmepumpen produziert, auch die Grünflächen wurden zugunsten mehr Artenvielfalt und in Vorbereitung auf häufigere Extremwetterereignisse neugestaltet. Ein tolles Beispiel dafür, wie ein ganzheitlicher Quartiersansatz in der Praxis aussehen kann, in dem nicht einzelne Gebäude, sondern ganze Quartiere fit gemacht werden für die Zukunft.
Das Engagement unserer Mitgliedsunternehmen ist für mich immer wieder beeindruckend. In diesem Jahr sollen 1810 Wohnungen in der Hansestadt fertiggestellt werden – deutlich mehr als im Vorjahr. Insgesamt 917 Millionen Euro investieren sie 2026 in Neubau und Bestand. Ein starkes Signal für Hamburg und für alle, die auf bezahlbaren Wohnraum angewiesen sind. Um weiter so erfolgreich und nachhaltig arbeiten zu können, brauchen wir politische Entscheidungen, die Investitionen ermöglichen, statt sie zu erschweren.
Klimaschutz gelingt nicht durch möglichst viele Vorschriften. Er gelingt, wenn gute Ideen, wirtschaftliche Vernunft und gemeinsames Handeln zusammenspielen.
Andreas Breitner