VNWmagazin 3_2023
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„Wir sind die Guten“

Die Wohnungsbaugenossenschaften Schleswig-Holstein haben sich neu ausgerichtet. Über die Gründe und die neuen Ziele sprachen wir mit dem Vorstandschef Sven Auen.


Kiel. Die Marketinggemeinschaft der Wohnungsbaugenossenschaften – seinerzeit unter dem Namen Marketingarbeitskreis – wurde im Jahr 2000 gegründet, um das Image zu fördern und durch die Zusammenarbeit Synergieeffekte im Marketingbereich zu nutzen. 

Inzwischen gehören dem Verbund 18 Genossenschaften aus allen Teilen Schleswig-Holsteins mit einem Bestand von rund 68.000 Wohnungen an. Das sind rund 15 Prozent aller Mietwohnungen im Land. Die Genossenschaften geben damit rund 104.000 Mitgliedern sowie ihren Familien ein sicheres und bezahlbares Zuhause.

Im Jahr 2022 entschieden sich die Mitglieder der Marketinggemeinschaft der Wohnungsbaugenossenschaften Schleswig-Holstein für eine Neuausrichtung. Ziel ist es, die öffentliche Wahrnehmung und das Image der schleswig-holsteinischen Wohnungsbaugenossenschaften zu verbessern. 

Im Mittelpunkt der Bemühungen steht, die Rolle der Genossenschaften als Garant des sozialen Friedens in den Quartieren und ihre Funktion als verlässliche Partner beim bezahlbaren Wohnen bekannter zu machen.

Die monatliche Nettokaltmiete liegt bei den schleswig-holsteinischen Wohnungsbaugenossenschaften im Durchschnitt bei 6,20 Euro pro Quadratmeter – und damit deutlich unter dem Wert der örtlichen Mietenspiegel. Im vergangenen Jahr übergaben die Genossenschaften 639 neu gebaute Wohnungen an ihre Nutzerinnen und Nutzer.

Die Zahlen belegen: Die Wohnungsbaugenossenschaften stehen für das bezahlbare Wohnen. Wer Mitglied einer Genossenschaft ist und in einer Genossenschaftswohnung lebt, der muss sich nicht sorgen. 

Doch das wissen die wenigsten. Sven Auen,  Vorstandsvorsitzender der WOGE Wohnungs-Genossenschaft Kiel eG und Vorstandsvorsitzender der WBGSH, erklärt, wie das geändert werden soll.  



Vielen Menschen ist nicht klar, wie wichtig Wohnungsbaugenossenschaften für bezahlbares und sicheres Wohnen sind. Wie wollen Sie das ändern?

Sven Auen: Zuallererst, indem wir in der Öffentlichkeit ein modernes Bild von den Wohnungsgenossenschaften vermitteln. Wir sind die Guten und stehen für bezahlbares Wohnen, für Sicherheit und für Gemeinschaft. Wir haben jetzt die Arbeitsschwerpunkte in der WBGSH (Wohnungsbaugenossenschaften Schleswig-Holstein) verändert. Wir rücken stärker als bisher unsere Erfolge in den Fokus.

Was heißt das für den Wohnungssuchenden?

Sven Auen: Wohnungsgenossenschaften gibt es im ganzen  Land. Wer vor Ort einen sozialen Vermieter sucht, bei dem der Mensch und nicht die Rendite im Mittelpunkt steht, der wird bei uns fündig. Zugleich werden wir aktiver werden – frei nach dem Motto „Tue Gutes und rede darüber“. Dazu eignen sich öffentliche Veranstaltungen, auf denen wir die „Genossenschaft zum Anfassen“ vorstellen. Natürlich werden wir auch digital präsenter werden. Viele junge Menschen erreichen wir nur so.

Vermieter gibt es viele …

Sven Auen: Das stimmt. Wir aber stehen für das bezahlbare Wohnen. Ich kann das nicht oft genug betonen. Und nicht nur das. Genossenschaften repräsentieren zugleich eine sichere und starke Gemeinschaft. „Hilfe zur Selbsthilfe“, das war die Idee, als sich vor mehr als 120 Jahren  im  Norden  die  ersten Wohnungsbaugenossenschaften gründeten. Die Menschen haben sich in einer Zeit, in der von demokratischer Teilhabe keine Rede war, zusammengefunden und einander geholfen, die eigenen Wünsche Realität werden zu lassen.

Wie wichtig ist es, im Interesse der Genossenschaftsmitglieder Einfluss auf die politischen Entscheider auszuüben?

Sven Auen: Angesichts der aktuellen Herausforderungen auf dem Wohnungsmarkt ist es entscheidend, dass wir als Genossenschaften laut und deutlich unsere Stimme erheben und Einfluss auf politische Entscheidungsträger ausüben. Als Genossenschaften vertreten wir zuallererst die Interessen unsere Mitglieder. Wir sind ein Garant für bezahlbaren Wohnraum. Wohnen darf nicht zu einer finanziellen Überlastung von Menschen führen. Wir bieten unseren Mitgliedern Sicherheit, Stabilität und langfristige Perspektiven.

Sind das an sich nicht schon „schlagende“ Argumente?

Sven Auen: Leider für den einen oder anderen Politiker nicht, wie wir in den vergangenen Wochen bei der Diskussion über die richtige Gestaltung der Energiewende erlebt  haben. Ich habe den Eindruck, dass es heute wichtiger denn je ist, uns in den politischen Diskurs einzubringen. Wir unterstützen die Politik bei dem Ziel, bis 2040 Klimaneutralität zu erreichen. Wir sagen aber auch: Vergesst beim Ringen um eine Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen die „einfachen“ Menschen mit begrenzten  finanziellen  Mitteln  nicht.  Wir  drängen  die Landespolitikerinnen  und  Landespolitiker, in unserem Sinne aktiv zu werden. Manchmal klappt das ganz gut – manchmal leider nicht. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir gehört werden.

Wofür stehen die Wohnungsbaugenossenschaften in Schleswig-Holstein?

Sven Auen: In Schleswig-Holstein sind die Wohnungsbaugenossenschaften ein bedeutender und vor allem unverzichtbarer Pfeiler der sozialen Wohnraumversorgung. Unser primäres Ziel ist es, den Mitgliedern unserer Genossenschaften ein sicheres und bezahlbares Zuhause zu bieten, unabhängig davon, wie viel Geld sie haben. Das gilt auch für Menschen, die vor Krieg und Unterdrückung flüchteten. Wir bauen derzeit so viele bezahlbare Wohnungen wie möglich, damit auch diese Menschen ein sicheres Dach über den Kopf bekommen. Hinzu kommt: Wir kümmern uns um intakte und lebenswerte Quartiere. Wir möchten unseren Mitgliedern ein Wohnumfeld bieten, in dem sie sich sicher und wohl fühlen.

Was sind aktuell die wichtigsten Herausforderungen für die Wohnungsunternehmen? 

Sven Auen: Das Wichtigste ist, ausreichend bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Es suchen derzeit viele Menschen eine Wohnung, die sie auch bezahlen können. Wohnungen zu bauen, ist jedoch leichter gesagt als getan. Eines der größten Probleme besteht darin, geeignete Baugrundstücke zu finden. Vor allem in den Städten, in die viele Menschen ziehen wollen, ist der Platz begrenzt. Die Folge: Die Bodenpreise steigen und steigen …

Darüber hinaus sind die Baukosten in den vergangenen Jahren geradezu explodiert, was uns arg zu schaffen macht. Warum? Wir bauen qualitativ hochwertige Wohnungen, was beträchtliche Investitionen erfordert. Zugleich achten wir auf die Bezahlbarkeit der Nutzungsgebühren, was  die  Rentabilität unserer Projekte beeinflusst. Es ist eine ständige Herausforderung, eine Balance zwischen erschwinglichen Nutzungsgebühren und nachhaltigen Investitionen zu finden.

Aber es geht ja nicht nur um den Neubau. Wohnungsgenossenschaften müssen und wollen sicherstellen, dass ihre Wohnungen über Jahrzehnte sicher und zeitgemäß sind. Das erfordert regelmäßige Instandhaltung und Modernisierung. Und da sind wir wieder bei den gestiegenen Baukosten. Derartige Arbeiten kosten Geld, derzeit viel Geld. Auch Genossenschaften können den Euro aber nur einmal ausgeben.