Hamburg. Wenn Dominik Campanella in seiner Heimatstadt Berlin den Abriss von Gebäuden beobachtet, stimmt ihn das oft traurig: „Da werden Doppelkastenfenster, Türen, Waschbecken und Ziegelsteine einfach in Container geschmissen. Das sind Wertgegenstände, die man direkt wieder nutzen könnte. Stattdessen bauen wir an der gleichen Stelle mit neuen Materialien ein Gebäude wieder auf. Das tut mir weh.“
Mit seinem Unternehmen Concular GmbH will Campanella genau das ändern. Man transformiere die Immobilien- und Baubranche hin zu einer kreislaufgerechten, nachhaltigen Wirtschaftsweise, heißt es auf der firmeneigenen Website.
Das 2020 gegründete Unternehmen, 2023 ausgezeichnet mit dem Next Economy Award der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis, erfasst die wiederverwertbaren Teile in Gebäuden vor deren Umbau oder Abriss. Was noch verwertbar ist, kann der Eigentümer wieder beim Neubau einsetzen. Andere Teile landen auf der Concular-Internet-Plattform – ein Shop für zirkuläre Baumaterialien.
Ein Blockheizkraftwerk für 80.000 Euro
Hier gibt es (fast) alles: vom Blockheizkraftwerk für 80.000 Euro über die einflügelige Brandschutztür für 1.800 Euro, ein Waschbecken für 95 Euro bis zum Ziegelstein, klassisch rot im Reichsformat für 1,02 Euro das Stück.
Mit einem Jahresumsatz in mittlerer einstelliger Millionenhöhe und rund 65 Beschäftigten zählt das Unternehmen in der Baubranche zu den kleineren Firmen. Doch das Ziel hat Firmengründer Campanella klar vor Augen: „Wir wollen mit zirkulärem Bauen einen Beitrag zur Bauwende leisten.“
Er hat keinen Zweifel, dass diese notwendig ist: „Die Baubranche ist für 60 Prozent des gesamten Abfallaufkommens und 40 Prozent des CO₂-Ausstoßes verantwortlich und mit Abstand der größte Umweltverschmutzer der Welt. Die Klimawende wird beim Bau entschieden.“ Er kritisiert das „Take-Make-Waste-Prinzip“: „Wir nehmen Ressourcen, stellen daraus Materialien her, verbauen diese und entsorgen sie zum Teil nach wenigen Jahren wieder. Dabei könnte man vieles weiter nutzen.“ Laut Umweltbundesamt produziert die deutsche Bauwirtschaft mehr als 220 Millionen Tonnen Abfall pro Jahr.
Es ist lukrativer, das Alte abzureißen
Während die Einführung des Dosenpfands vor mehr als 20 Jahren politische Eruptionen auslöste, wird diese Tatsache öffentlich kaum thematisiert. „Wir haben in der Bauwirtschaft immer vom Konsum gelebt. In anderen Industrien konnte man durch Nachhaltigkeit Geld verdienen. In unserer Branche war es lukrativer, das Alte einfach abzureißen und ein neues Gebäude hinzustellen“, sagt Sarah Dungs, Geschäftsführerin des Essener Immobilienunternehmens Greyfield Group. Mit Gleichgesinnten, darunter auch den Concular-Machern, gründete sie Anfang 2023 den Verband für Bauen im Bestand: „Unsere Vision ist eine Immobilienbranche, die ihrer Verantwortung gerecht wird – ökologisch, ökonomisch und sozial.“
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Ein Musterbeispiel
Ein Beispiel für das zirkuläre Bauen zeigt das kommunale Wohnungsunternehmen Volkswohnung GmbH (rund 13.500 Wohnungen) mit seinem Projekt „Garagenaufstockung“ in der Karlsruher Wohnsiedlung Rintheimer Feld. Zwölf Wohnungen, die auf einem Gerüst aus Stahlträgern auf den Pultdächern von Garagen gebaut werden sollten.
Mit einem Concular-Team untersuchte die Architektin Katharina Helleckes, Projektleiterin bei der Volkswohnung, dafür aus den 1930er Jahren stammende Zeilenbauten des Unternehmens, die abgerissen werden sollten. „Wir sind durch die Gebäude gegangen und begannen uns zu fragen, welche wertvollen Materialien darin verborgen sind und welche für uns noch nützlich sein könnten.“
Die Vision des zirkulären Bauens wurde konkret. Im Auftrag der Volkswohnung baute ein Schreiner die unter Teppichboden und PVC versteckten Holzböden aus dem Abrissgebäude aus und verlegte sie wieder in den Wohnungen im Rintheimer Feld. „Den Rest haben wir zugekauft“, sagt Katharina Helleckes. „Und selbst wenn man genau hinschaut, wird man kaum einen Unterschied zwischen den neuen und alten Hölzern bemerken. Sie wurden abgeschliffen und geölt, wodurch die natürliche Holzfarbe zur Geltung kommt.“
Selbst Briefkästen werden weiter genutzt – nur woanders
Zimmertüren und Briefkästen fanden im Rintheimer Feld ebenfalls ein neues Zuhause. Die noch intakten Sandsteinstufen und Dachziegel der fast 90 Jahre alten Gebäude sollen für ein anderes Projekt wiederverwendet werden. Nicht nur der Dachdecker finde das großartig. Denn ihm tue es immer weh, „wenn er sieht, wie die guten Biberschwanzziegel in den Container geworfen werden“.
Nun hatte das Projekt in Karlsruhe den Vorteil, dass dasselbe Unternehmen die Materialien aus- und wieder einbauen konnte. Das ist allerdings nicht die Regel bei Concular. Die meisten Waren, die bei einem Abriss wiederverwendet werden sollen, landen in einem digitalen Shop. Dort können Interessenten sie direkt erwerben oder aus einem Lager beziehen. Hierfür wurden und werden Hallen an verschiedenen Standorten angemietet.
Und die wirtschaftliche Kosten-Nutzen-Rechnung? „Wir haben bei 400 Projekten nachgewiesen, dass 20 bis 30 Prozent der Kosten eingespart werden können“, sagt Campanella. Da Deponiekapazitäten immer knapper werden, steigen die Entsorgungskosten. Wer auf Recycling setze, spare Deponiegebühren.
Für die Bestandsaufnahme vor dem Abriss entstünden geringe Kosten, so Campanella. Sie würden aber „mehrfach ausgeglichen durch eingesparte Rückbaukosten. Die Zusatzkosten übernehmen wir oder verrechnen sie mit den Erlösen aus dem Verkauf der Materialien.“
Aber was ist mit dem Faktor Zeit, der beim Bau bekanntlich Geld ist? Für Campanella kein Thema: „Wir haben beim Umbau des Stadions in Stuttgart zwischen zwei Spieltagen dafür gesorgt, dass Materialien wie Glasgeländer, Türen, Theken, Leuchten, Tribünenstühle und Fenster wiederverwendet werden konnten.“
Wertvolle Ziegelsteine müsse man auch nicht einzeln abtragen, sondern könne aus Effizienzgründen die Mauer umkippen: „Dann gehen zehn der Steine kaputt. 90 Prozent bleiben heil, die sammelt man auf und stapelt sie auf Paletten.“