Klimaschutz und bezahlbares Wohnen – geht das beim Neubau von Wohnungen überhaupt noch zusammen?
Das geht weder beim Neubau noch beim Bestand zusammen.
Warum?
Aufgrund der gestiegenen Baukosten, hoher Zinsen und kostentreibender Klimaschutzauflagen ist die Wirtschaftlichkeit nicht mehr gewährleistet. Wirtschaftlichkeit ist aber für Genossenschaften überlebensnotwendig. Unsere Einnahmen kommen allein aus den Kaltmieten unserer Mitglieder. Daraus müssen alle Aufwendungen für die Bewirtschaftung und das Eigenkapital für Investitionen generiert werden.
Was hat die Rahmenbedingungen seit 2020 so verändert bzw. die Lage so schwierig gemacht?
Die Corona-Pandemie, die zu Lieferengpässen beim Material und zu Personalmangel führte. Hinzu kommt der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, der sich indirekt auch gegen die westlichen Unterstützer aus der EU richtet. Als Folge wurden Energie und Rohstoffe teurer und knapper. Das hat über eine hohe Inflation zur Destabilisierung der westlichen Wirtschaft geführt.
Was muss getan werden, damit neu gebaute Wohnungen bezahlbar sind?
Die Preisentwicklung der vergangenen Jahre lässt es nicht mehr zu, den Bau von Wohnungen verlässlich zu kalkulieren. Wir brauchen dynamisierte Subventionen, also öffentliche Mittel, die steigen, wenn die Baukosten während der Bauzeit steigen. Nur so ist das Risiko für die Bauherren zu begrenzen.
Was kann man hierzulande tun, um die Baukosten zu reduzieren?
Wir müssen uns von dem Standard verabschieden, den wir lieb gewonnen haben. Also: weniger Aufzüge, weniger Schallschutz, Verzicht auf Loggien und stattdessen Balkone bauen sowie die Reduzierung der Zahl der Steckdosen.
Welche staatlichen Vorgaben beim Neubau sind aus Ihrer Sicht am kostenintensivsten?
Die hohen energetischen Anforderungen an die Gebäudehülle, der überdimensionierte Schallschutz und die ausufernde technische Gebäudeausrüstung bei Lüftung, Heizung und Warmwasserversorgung.
Bei welchen Vorgaben für den Neubau muss der Staat Abstriche machen?
Bei allen Vorgaben. Wir brauchen eine bundeseinheitliche und ganz schlanke Bauordnung, die es uns ermöglicht, auf Lüftungsanlagen oder komplizierte Klimatechnik zu verzichten. Technische Anlagen haben oft nur eine kurze Nutzungsdauer, verbrauchen Strom und müssen gewartet werden, was zusätzlich Geld kostet.
Und was ist mit den Baugenehmigungsverfahren?
Am einfachsten wäre es, wenn wir verstärkt auf sogenannte Typengenehmigungen setzen. Ein Gebäudetyp wird einmal genehmigt und kann dann überall ohne weitere Prüfung errichtet werden. Der Bauherr stellt einen Bauantrag. Wenn diesem von der Behörde nicht innerhalb einer Frist widersprochen wird, gilt der Bauantrag als genehmigt. Dass der Bau dann auch wirklich der Typengenehmigung entspricht, liegt in der Verantwortung des Bauherrn.
Inzwischen wächst in der Wohnungswirtschaft die Sorge, dass die „Teuerungsdramatik“ auch die Bestandswohnungen erfasst.
Die Teuerungsdramatik hat die Bestandswohnungen längst erfasst. Die Kosten für die Instandhaltung sind in den vergangenen zwei Jahren um mehr als 30 Prozent gestiegen. Bei den Nutzungsgebühren sieht es anders aus. Das passt nicht zusammen.
Aber an Klimaneutralität – wann auch immer – führt kein Weg vorbei.
Klimaneutralität lässt sich nur erreichen, wenn alle Akteure – Politik und Bauherren – sich auf Lösungen konzentrieren und nicht ständig über Probleme diskutieren. Hamburg muss auf zusätzliche Anforderungen verzichten. Zudem glaube ich, dass wir mehr Zentralismus benötigen, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen. Unsere nordeuropäischen Nachbarn leben das vor.
Wie hoch müssten die Investitionen sein, wenn Ihre Genossenschaft bis zum Jahr 2045 alle Bestandsgebäude in einen klimaneutralen Zustand versetzen würde?
Ich fürchte, dass wir das unter den gegebenen Bedingungen bis 2045 nicht schaffen werden. Voraussetzung wäre, dass wir zu 100 Prozent erneuerbare Energie beziehen – und zwar zu einem Preis, den wir heute für fossile Energie bezahlen. Das aber ist das Problem. Wir könnten fossiles Gas durch Biogas ersetzen. Derzeit kostet Biogas aber zehnmal mehr als fossiles Erdgas. Das würde dazu führen, dass unsere monatlichen Heizkosten von derzeit 1,30 Euro auf 13 Euro steigen.
Wie viele Ihrer Wohnungen müssten grundlegend saniert werden?
Die bgfg bauten 1922 die erste Wohnanlage. Der gesamte Bestand unserer Genossenschaft entstand in 102 Jahren, wurde im Krieg bis auf wenige hundert Wohnungen zerstört und wiederaufgebaut. Viele unserer Backsteinwohnanlagen, die ursprünglich in den 20er Jahren errichtet wurden, insbesondere in Barmbek und auf dem Dulsberg, sind in Wahrheit Wiederaufbaubauten aus den 50er Jahren. Nur die Außenmauern blieben erhalten. Heute stehen diese Wohnanlagen unter Denkmalschutz, was eine energetische Sanierung unmöglich macht.
Welche Auswirkungen hätten die Sanierungskosten auf die Mieten?
Bislang haben wir bei unseren Wohnanlagen unter Nutzung von verschiedenen öffentlichen Förderprogrammen der IFB Hamburg Modernisierungspakete geschnürt, die in der Regel die Gebäudehülle und Heizung sowie Bad und Küche umfassten. Solche Maßnahmen erfordern heute in der Regel 3.000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche. Von den 3.000 Euro verschlingen Gebäudehülle und Heizung etwa 2000 Euro. Ohne Fördermittel würde das dazu führen, dass die Mieten zwischen acht und zwölf Euro pro Quadratmeter erhöht werden müssten. Aber auch die dafür erforderlichen Fördermittel sind endlich.
Viele Umweltpolitiker setzen auf strenge Vorgaben für das einzelne Gebäude. Ist das ein Irrweg?
Allgemeine Vorgaben sind falsch, weil sie nicht für jedes Gebäude passen und deshalb oftmals nicht wirtschaftlich sein können. Als Genossenschaftsvorstand muss ich jedes einzelne Gebäude betrachten. Nur dann kann ich entscheiden, welche Klimaschutzmaßnahme sinnvoll ist – und welche nicht. Letztlich geht es doch darum, mit den vorhandenen finanziellen Mitteln ein Höchstmaß an klimaschädlichen Emissionen zu reduzieren.
Bauexperten plädieren für den Quartiersansatz. Was macht diesen so sinnvoll für die Wohnungsunternehmen?
Der Quartiersansatz kann in einem Quartier sinnvoll sein, im anderen nutzlos. Wenn in einem Quartier mit überwiegend modernen Gebäuden ein Kulturdenkmal steht, das sich nicht weiter optimieren lässt, kann das mitgetragen werden. Ein aus Baudenkmälern bestehendes Quartier wird hingegen nicht klimaneutral, wenn man ein Energieplushaus in den Innenhof stellt.
Dennoch: Worin liegen aus Ihrer Sicht die Vorteile des Quartiersansatzes gegenüber der Sanierung einzelner Gebäude?
Man hat innerhalb eines Quartiers mehr Freiheit, eine Lösung zu finden, die eine möglichst hohe Reduzierung der Emission klimaschädlicher Treibhausgase zur Folge hat.
Die Hälfte aller Wohnungen in Hamburg wird bereits mit Fernwärme versorgt. Wenn Fernwärme (und Strom) regenerativ erzeugt würden, wären dann alle Probleme beim Erreichen von Klimaneutralität gelöst?
Das hängt sehr vom Preis für die Fernwärme ab. Sie muss nicht nur regenerativ erzeugt, sondern auch bezahlbar sein. Derzeit liegt der Kohleanteil bei der Hamburger Fernwärme bei 69 Prozent. Ich habe erhebliche Zweifel, dass in Hamburg mittelfristig Fernwärme klimaneutral sein wird.
Worin bestehen die größten Probleme bei der Versorgung von Wohngebäuden mit Fernwärme?
Die größten Probleme bestehen beim Netzausbau und bei der Modernisierung des städtischen Fernwärmenetzes. Das Fernwärmenetz, das gegenwärtig rund 850 Kilometer umfasst und unzureichend gedämmt ist, entstand vor mehr als 100 Jahren. Nun soll es innerhalb weniger Jahre – bis 2045 – klimaneutral werden und auch dann noch wirtschaftlich Wärme liefern. Wie soll das gehen?
Also ist Fernwärme nicht die Lösung?
Eigentlich ist es am sinnvollsten, Energie dort zu erzeugen, wo sie gebraucht wird. Die Netzverluste sind auch bei modernen Fernwärmeleitungen enorm. Hinzu kommen die hohen Baukosten und die klimaschädlichen Emissionen, die beim Bau der Netze in erheblichen Mengen anfallen. Genossenschaften sollten dort, wo Fernwärme bereits angeboten wird, versuchen, einen Fernwärmeanschluss zu erhalten. Ansonsten gilt es, eigene Lösungen zu finden.
Was muss Hamburg jetzt tun, damit die Wohnungswirtschaft bei der Energiewende vorankommt?
Klima und Bauen müssen zusammen gedacht werden. Dazu gehört, dass Stadtplanung und Stadtgestaltung zugunsten von Quantität zurücktreten müssen. Die Politik darf die Existenz von Wohnungsgenossenschaften nicht mit Hilfe des Ordnungsrechts aufs Spiel setzen und ihnen durch überbordende oder unsinnige Auflagen die Existenzgrundlage entziehen. Wir stehen für bezahlbare Mieten. Die können wir aber nur garantieren, wenn die Auflagen sinken.
Wie sieht Ihr Pragmatismus bei der Energiewende aus?
Wir reparieren, wo es Sinn macht, und investieren, wo es wirtschaftlich ist – damit auch künftig genug Reserven für Krisen und künftige Anforderungen da sind. Das Vermögen bleibt in der Solidargemeinschaft Genossenschaft und steht den Mitgliedern zu – nicht der Allgemeinheit oder der Stadt Hamburg.