Prozesse digital steuern

„Wir haben eine Software entwickelt, mit der wir Material im Gebäude erfassen können. Für 10.000 Quadratmeter brauchen wir vor Ort etwa einen Tag.“ Diesen Service bietet das Unternehmen auch bei Neubauten: „Dort erfassen wir mit einem digitalen Ressourcenpass jedes Bauteil schon während der Planung.“ 

Noch stehen vor allem Bürobauten im Fokus, doch das ändert sich. Neben der Volkswohnung setzt auch die Gemeinnützige Baugenossenschaft Bergedorf-Bille eG beim Umbau ihrer Geschäftsstelle auf Recycling. „Unser Fokus liegt vor allem auf größeren Projekten ab ca. 2.000 Quadratmetern Bruttogrundfläche, jedoch bieten wir kleineren Unternehmen Einschätzungen zu sehr geringen Kosten an“, sagt Campanella.

Eine ähnliche Dienstleistung bietet auch die Firma Madaster Germany GmbH an – ein digitales Materialkataster, das ebenfalls mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2024 (Kategorie Bauindustrie) ausgezeichnet wurde. Mit dem Anspruch, ein globales Kataster zu verwirklichen, wurde Madaster 2017 in den Niederlanden als gemeinnützige Stiftung gegründet. Seit 2020 ist es auch in Deutschland vertreten.

Bauherren können über Uploads alle objektspezifischen Informationen zu verbauten Materialien und Rohstoffen eines Gebäudes hinterlegen. Diese Daten werden daraufhin automatisch durch Hersteller- und Produktinformationen ergänzt, darauf basierend wird ein individueller Gebäuderessourcenpass erstellt. 

Ein Faible fürs Abgerockte

Mit Dominik Campanella teilt Sarah Dungs nicht nur die Vorliebe für Büros mit Patina – Concular residiert in einer ehemaligen Brauerei, die Greyfield Group in einem 1954 erbauten Essener Bürohaus. Beide verbinden die gleichen Werte. „Ich habe ein Faible für das Abgerockte. Für mich ist das nachhaltigste Gebäude, das geschaffen werden kann, das bestehende Haus zu erhalten und es in die Zukunft zu transformieren“, sagt Dungs. 

So wie das ehemalige Kaufhaus Tietz in Duisburg, das Greyfield zu einem Gesundheitshaus umbaute. Mit Fitnessstudio, einer AOK-Geschäftsstelle und einer Pflegeschule. „Vor zehn Jahren waren wir für die Branche noch die Geisterfahrer, inzwischen sind wir Vorreiter“, sagt sie. Das Klimaschutzgesetz der Bundesregierung werde den Trend zur Nachhaltigkeit im Bau weiter beschleunigen: „Da ist der Bestand einfach unschlagbar. Doch wir müssen noch viele Barrieren abbauen.“

Andere Nationen wie die Niederlande seien Deutschland enteilt: „Wir denken zu perfektionistisch. Die Niederländer trauen sich, Dinge auszuprobieren. Und wenn sie merken, dass etwas nicht funktioniert, navigieren sie neu. Wir denken immer alles bis zum Ende durch. Und deshalb sind wir viel zu langsam.“ 

Sarah Dungs

Downcycling oder Kreislauf?

Keine Frage: Unternehmen, Organisationen und Datenbanken wie Concular, Madaster oder der Verband für Bauen im Bestand sorgen für mehr Nachhaltigkeit in der Bauwirtschaft. Und doch werden sie allein das Bauabfall-Problem nicht lösen können. Wer den aktuellen, auf Daten aus 2020 basierenden Bericht der Initiative Kreislaufwirtschaft Bau studiert, könnte zunächst denken, dass die Herausforderung gar nicht so groß ist. 

Demnach wurden von 220 Millionen Tonnen mineralischen Bauabfällen, die 2020 anfielen, mehr als 197 Millionen Tonnen – also rund 90 Prozent – einer „umweltverträglichen Verwertung“ zugeführt. Genutzt wird der Bauschutt vor allem im Straßenunterbau, zum Verfüllen von Gruben und Abdecken von Deponien. 

Also alles gut? „Nein. Es handelt sich vorwiegend um Downcycling, nicht um Recycling“, sagt Dr. Volker Thome, Leiter der Abteilung Mineralische Werkstoffe und Baustoffrecycling am Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP im bayerischen Valley. Der Nachhaltigkeitsbegriff werde zu sehr gedehnt: „Wenn man den Bauschutt nur zerkleinert, um ihn für den Straßenbau zu verwenden, wird das Material ja aus dem Kreislauf entfernt. Echtes Recycling bedeutet, dass man etwas in den Kreislauf zurückführt.“

Der Mangel an Rohstoffen hilft

Genau mit diesem Thema beschäftigt sich der Mineraloge seit 25 Jahren. Damals, sagt Thome, sei er in der Branche in Sachen Recycling noch ein Exot gewesen. Der Wandel hängt nicht nur mit der wachsenden Diskussion um Nachhaltigkeit zusammen. In die Karten spielt Thome und seinem Team nun, dass es akuten Mangel an Rohstoffen in der Bauwirtschaft gibt. Um Beton herzustellen, werden 50 Milliarden Tonnen Sand und Kies jährlich verbraucht – aus dieser Menge könnte man eine Mauer mit einer Breite und Höhe von 30 Metern entlang des Äquators bauen. 

Geeigneter Bausand als Ausgangsrohstoff ist inzwischen so knapp, dass mafiöse Organisationen Sand von Küstenlinien und aus Flussbetten rauben. Auch in Deutschland sind Sand und Kies Mangelware. Als Gründe dafür nennt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover Widerstand gegen den Erhalt oder den Ausbau heimischer Förderstätten, zu lange Planungsverfahren sowie die gestiegenen Energiekosten für Abbau und Verarbeitung.

Es gebe inzwischen „erhebliche Probleme“ bei der Gewinnung von Kies und Sand, heißt es in der Untersuchung der Fachbehörde. Teils ließen sich 50 bis 70 Prozent der Vorkommen nicht mehr fördern. „In einigen Regionen Deutschlands, vor allem in Bayern und Schleswig-Holstein, können Kiesunternehmen bereits heute lokal überhaupt kein Abbauland mehr erwerben.“ Die BGR schätzt, dass die schon erhöhten Preise „absehbar weiter um 10 bis 15 Prozent jährlich ansteigen“.

Recyclingverfahren werden attraktiver

Damit werden Recyclingverfahren, wie sie mehrere Fraunhofer-Institute unter dem Label „BauCycle“ entwickeln, wirtschaftlich attraktiver. Beim Projekt „FAVRE“ (die Abkürzung steht für Fragmentierungs-Anlage für Verbundwerkstoff-Recycling) jagt Thome mit seinem Team ultrakurze Blitze in Bauschutt, der in einem Wasserbad ruht, um ihn in seine Bestandteile zu zerlegen. 

„Wenn der elektrische Impuls auf den Beton trifft, suchen sich die Vorentladungen immer den Weg des geringsten Widerstands. Diese Vorentladungen schwächen das Gestein entlang seiner Phasengrenzen. So werden die einzelnen Betonbestandteile schließlich voneinander getrennt.“ 

Die Basis dieser Technologie wurde bereits in den 1950er Jahren entwickelt, lag aber für lange Zeit brach, da sie wegen des hohen Energieverbrauchs nicht rentabel war. Dank neuer Technik kann nun viel Energie eingespart werden.

Auch ein anderer Baustoff dürfte mittelfristig knapp und teuer werden: Gips, von dem die deutsche Industrie jährlich zehn Millionen Tonnen verbraucht. Das Problem: 60 Prozent stammen aus Kohlekraftwerken, die bis 2030 geschlossen werden. 

Doch Gips lässt sich ebenfalls aus Bauschutt recyceln. Beim Projekt „ENSUBA“ (Entsulfatisierung von Bauschutt) vermischt Thome mit seinem Team den Bauschutt-Feinanteil (< 2 mm) mit Ammoniumcarbonat, besser bekannt als Hirschhornsalz, einem Backpulver für Lebkuchen. 

Das Ergebnis: sulfatfreier, kalkhaltiger Bauschutt, der im Zementwerk weiterverarbeitet, und Ammoniumsulfat, das auch als Düngerkomponente eingesetzt werden kann. Gibt man den Kalk zum Ammoniumsulfat, entsteht Gips. 

Investoren werden gesucht

Dass Baurecycling funktioniert, haben die Fraunhofer-Institute inzwischen auch im größeren Maßstab bewiesen – die Projekte sind längst über das Versuchsstadium hinaus. Für die Weiterentwicklung brauchen die Institute nun Investoren, erste Gespräche stimmen Thome zuversichtlich, zumal durch die nationale Emissionsabgabe (auch CO₂-Steuer genannt) die Herstellung von Beton immer teurer werden wird. Ein Problem aber bleibt aus Sicht von Thome: „Die Deponierung von Bauschutt ist viel zu billig. Sie müsste deutlich teurer werden, damit Recycling noch attraktiver wird.“

Notwendig, sagt Thome, sei auch ein gesellschaftliches Umdenken: „Solange Altbeton eine ‚Abfalleigenschaft‘ nachgesagt wird, hat es Recyclingbeton in Deutschland schwer.“ Man müsse aufklären und in der Praxis zeigen, dass man Recyclingbeton sehr wohl für den Hausbau einsetzen könne.