
DESWOS in Pakistan
Eine Perspektive für die Ärmsten
Ein Schulgebäude mit Dach, kostenloser Unterricht für alle Kinder, unabhängig von ihrer Religion. Dazu gibt es Unterrichtsmaterial und Schuluniformen. Vor allem aber lernen die 150 Mädchen und Jungen für ihre bessere Zukunft. In einem Armenviertel der Millionenmetropole Faisalabad im Osten Pakistans wurde mit Spenden von VNW-Unternehmen eine Grundschule gebaut. Wir haben das Projekt besucht.
Von Anne Klesse
Faisalabad. Jeden Morgen macht sich die sechsjährige Seher mit ihrem jüngeren Bruder auf den Weg zur Schule. Durch die staubigen Straßen in der pakistanischen 3,7 Millionen Einwohner-Stadt Faisalabad, vorbei an fahrenden Händlern, die lautstark Bananen und Datteln auf ihren Eselskarren anpreisen, an Bettlern, die am Straßenrand schlafen, und Ziegen, die nach ein paar Grashalmen oder Essensresten suchen.
Vor wenigen Jahren standen hier noch einfache Hütten aus Holz und Planen, mittlerweile sind die flachen Häuser fast alle gemauert. Trotzdem ist die Armut noch immer präsent. Weil die Müllabfuhr hier nicht fährt, verrottet der Müll auf den Straßen. Rinnsale von Abwasser schlängeln sich vorbei an geparkten Mofas, die das einzige Besitztum der Familien, die hier wohnen, sind.
Jedes Jahr wieder verwandelt der Monsun die Gegend in eine Matschlandschaft. Seher aber läuft trotz allem fröhlich in ihren offenen, viel zu kleinen Sandalen und ihrer weiß-roten Schuluniform an all diesen Hindernissen vorbei. Sie freut sich auf den anstehenden Schultag.
Hinter einem unscheinbaren rostroten Metalltor liegt das Schulgebäude: ein offener Gemeinschaftsbereich, vier Klassenräume, das Büro des Schulleiters, ein Konferenzraum, Toiletten. Über die Treppe geht es nach oben auf die halb überdachte Dachterrasse und zu einem kleinen Raum, in dem sich das „Sewing Center“ befindet: Hier stehen vier alte Nähmaschinen bereit, um den Kindern das Nähen beizubringen.
In den Unterrichtsräumen selbstgemalte Plakate mit motivierenden Botschaften wie „You are brave“ und „You can change the world“. Sie sind auch Antrieb für die fünf Lehrerinnen der Grundschule: „Bildung hilft uns, Veränderungen in der Welt zu schaffen“, sind sie überzeugt.
Trägerin der Grundschule ist die pakistanische NGO „Education, Awareness and Community Health“, kurz EACH, die sich seit 2013 in Pakistan vor allem für Kinder der christlichen Minderheit einsetzt. Die Schule ist kostenlos und offen für alle Kinder, unabhängig von der religiösen Zugehörigkeit. Sie wird mittlerweile von mehr als 150 Kindern zwischen fünf und 13 Jahren täglich besucht.
Hier bekommen sie Unterrichtsmaterial, Schuluniformen und anderes gestellt. Jahrelang fand der Unterricht in einem offenen überdachten Bereich sowie einem schattigen Platz unter einem Baum statt, einzelne Klassenräume für die Jahrgänge gab es nicht, zudem waren Kinder und Lehrerinnen das ganze Jahr den Temperaturen zwischen etwa sechs Grad Celsius im Winter und bis zu 50 Grad im Sommer ausgesetzt. Nun wurde die Schule mit Hilfe von Spenden der VNW-Mitgliedsunternehmen entsprechend umgebaut.









Seher und die anderen Kinder lernen hier Englisch, Schreiben, Rechnen, Naturwissenschaften und anderes. „Letztendlich geht es um viel mehr: Wir bringen den Kindern nebenbei Wissen zu Hygiene und Gesundheit oder Gleichberechtigung bei. Unsere Erfahrung ist, dass Kinder, die zur Schule gehen, nicht zu früh verheiratet oder als billige Arbeitskräfte missbraucht werden. Ihre Bildung kann ihnen niemand mehr nehmen“, sagt EACH-Gründerin und Geschäftsführerin Fouzia Tahir. Und Schulleiter Honey Javed, der hier einst selbst Schüler war, fügt hinzu: „Wir lehren die Kinder, jedem Menschen mit Liebe zu begegnen. Das tragen sie auch nach Hause in ihre Familien und Communities.“
Hier glauben alle daran, dass diese Schule einen Beitrag zur Veränderung leistet. Zum guten Miteinander: Die 240 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner der Islamischen Republik Pakistan sind zu rund 96 Prozent muslimisch, Islam ist Staatsreligion. Christen und Hindus sind Minderheiten, die häufig unterdrückt und im Alltag drangsaliert werden, auch in Job und Schule. Überfälle auf Kirchen, religiös motivierte Morde und Gewalttaten passieren immer wieder. Die überwiegende Mehrheit der Christen lebt in bitterer Armut und von weniger als einem US-Dollar pro Tag. Sie arbeiten als Dienstmädchen für wohlhabende Familien, als Rikscha-Fahrer oder unter Sklaven-ähnlichen Verhältnissen in Ziegelbrennereien. Das harte Leben hinterlässt Spuren.
Der Bau der Grundschule kostete insgesamt umgerechnet rund 30.000 Euro. Davon finanzierte die gemeinnützige DESWOS Deutsche Entwicklungshilfe für soziales Wohnungs- und Siedlungswesen e.V. 21.500 Euro. Für dieses Projekt übernahm der VNW eine Art Patenschaft und sammelte bei Mitglieds- und Partnerunternehmen sowie Privatpersonen erfolgreich Spenden. Natürlich sind weiterhin Spenden sehr willkommen, am Besten direkt über das DESWOS-Spendenportal:
125 Jahre VNW Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen e.V. - Wir schaffen ein Zuhause – weltweit.
Sehers Mutter Sumaira ist 25 und nach der Trennung von ihrem gewalttätigen Ehemann mit ihren Kindern wieder bei ihrer Mutter eingezogen. Seither schlafen die beiden Frauen und die Kinder alle zusammen in einem Bett, auf dem sie tagsüber aus Stoffresten und Papier Dekorationsgirlanden basteln, um diese für ein paar pakistanische Rupien zu verkaufen. Außer dem Schlafraum gibt es noch einen etwa acht Quadratmeter großen Innenhof, in dem auf einer Gaskartusche gekocht wird, sowie eine landestypische Hocktoilette in einem Verschlag.
Nach einer Polio-Erkrankung musste sich Sumaira zuletzt mehreren Bein-Operationen unterziehen. EACH unterstützte sie bei den Operationskosten, die Familie ist nicht krankenversichert. Pakistan ist neben Afghanistan laut WHO weltweit das einzige Land, in dem sich Polio noch immer weiterverbreitet. Vor Ort wird klar warum: Nach wie vor gehe das Gerücht um, dass die Impfung Mädchen unfruchtbar mache, erzählt eine Lehrerin. Daher lehnten viele Eltern die schützende Impfung ab. Sumaira weiß es jetzt besser, sie will ein leichteres Leben für ihre Tochter als sie es hat: „Weder meine Mutter noch ich durften zur Schule gehen. Ich bin glücklich, dass meine Kinder diese Chance haben und später hoffentlich einen guten Beruf haben.“ Tochter Seher legt nachmittags fein säuberlich ihre Schuluniform zusammen. Sie weiß schon, was sie später werden möchte: Lehrerin. Um anderen Kindern etwas beizubringen.
