Fünf Millionen Euro
Seite 18 Jahren fördert die gemeinnützige „SAGA GWG Stiftung Nachbarschaft“ Projekte in den Bereichen Kultur, Sport und Bildung. Sie ist die Schnittstelle zwischen Kunst und Stadt.
Von Peter Wenig

Im Einsatz für Dulsberg: Die Quartierskünstlerin Ji Hyung Nam schafft nicht nur eigene Werke, sondern kuratiert auch Ausstellungen von Bewohnerinnen und Bewohnern des Hamburger Stadtteils.
Hamburg ist Deutschlands Stiftungshauptstadt. Kein anderes Bundesland hat – gemessen an der Einwohnerzahl – eine höhere Stiftungsdichte. Rund 1.500 Stiftungen sind es inzwischen. Die gemeinnützige „SAGA GWG Stiftung Nachbarschaft“ ist eine der jüngeren. Vor knapp 18 Jahren gegründet, hat sie mittlerweile mehr als fünf Millionen Euro an Fördermitteln vergeben. Unterstützt werden Projekte in den Bereichen Kultur, Sport und Bildung. Schnittstelle zwischen Kunst und Stadt.
Das 2,80 m hohe Zimmer misst gut elf Quadratmeter. Durch die Schaufensterscheibe fällt der Blick auf die vielbefahrene Straßburger Straße im Hamburger Stadtteil Dulsberg. Genau hier wagte Ji Hyung Nam das wohl ungewöhnlichste Experiment ihrer Karriere. Im Juni 2024 machte die Bühnen- und Kostümbildnerin diesen Raum zu ihrem öffentlichen Schlafzimmer. Rund um die Uhr durfte jeder durch die Scheibe zuschauen, wie die Koreanerin dort schlief, rauchte, las. So etwas wie Privatsphäre hatte sie nur im Bad. Zu essen gab es in dieser Zeit neben Keksen allein Instantnudeln, die Ji Hyung Nam mit einem Wasserkocher erhitzte.
Ein Spiel mit dem Voyeurismus? Eine verlorene Wette? Mitnichten. Die Künstlerin wollte auf diesem Weg auf das Leiden eines Dulsberger Bürgers aufmerksam machen, der schwer depressiv isoliert über Monate in einer Ein Zimmer Wohnung hauste, ohne auch nur ein einziges Mal vor die Tür zu gehen. „Kunst im Quartier“ steht in großen Buchstaben über der kleinen Ladenzeile. Seit 2022 bewegen sich hier im Wechsel Quartierskünstlerinnen und Quartierskünstler an der Schnittstelle zwischen Kunst und Stadt, zuvor war das Projekt im Stadtteil Veddel südlich der Elbe beheimatet. Sie sollen die Kultur im Quartier mitprägen und dürfen dabei gern zum Gesprächsthema der ganzen Stadt werden.
Die gemeinnützige „SAGA GWG Stiftung Nachbarschaft“ finanziert dieses Projekt über ein Stipendium mit monatlich 1.500 Euro als Zuschuss zum Lebensunterhalt, das Atelier ist mietfrei, auf Wunsch eine im Quartier gelegene Wohnung ebenfalls. Zusätzlich übernimmt die Stiftung Produktionskosten von bis zu 10.000 Euro im Projektzeitraum. „Wir unterstützen vielfältigste Projekte und Initiativen, die sich für stabile Nachbarschaften, den sozialen Ausgleich sowie die Integration unterschiedlichster Bevölkerungsgruppen in Hamburger Wohnquartieren einsetzen“, sagt Snezana Michaelis, SAGA-Vorständin und Stiftungsvorsitzende.

Das Motto der Quartierskünstlerin lautet: Das Leben ist Kunst. Dafür schlüpft sie immer wieder in Rollen von Dulsbergern, um deren Geschichte zu erzählen, wie zum Beispiel die der Schülerin Lucy.
Der Stadtteil Dulsberg zählt zu den ärmeren Quartieren der Hansestadt, das durchschnittliche Einkommen liegt weit unter dem Hamburger Schnitt. Viele Bewohnerinnen und Bewohner haben kaum die finanziellen Möglichkeiten, teure Tickets für Kulturveranstaltungen zu erwerben. Auch privater Musik- oder Kulturunterricht ist für sie oft unerschwinglich. Die Stiftung will hier die Brücke schlagen und Kultur zu den Bewohnerinnen und Bewohnern ins Quartier bringen.
Wer Quartierskünstler werden will, darf sich daher auch nicht allein auf seine Arbeit im Atelier konzentrieren, sondern soll dafür explizit mit Dulsbergerinnen und Dulsbergern zusammenarbeiten. So wird der öffentliche Raum zu einer Art Bühne des Quartiers und seiner Bewohnerinnen und Bewohner. „Mittendrin, statt nur dabei“ Für Ji Hyung Nam bedeutete Dulsberg völliges Neuland, als sie im März 2024 als Quartierskünstlerin startete. Aber die Künstlerin wagt gern den Aufbruch in unbekannte Welten. Als sie 2013 aus ihrer Heimat Seoul nach München zog, um in der bayerischen Landeshauptstadt Bühnen- und Kostümbild zu studieren, beschränkte sich ihr deutscher Wortschatz auf „Ja“, „Nein“, „Danke“, „Bitte“.
Doch sie biss sich durch, ihre Werke wurden prämiert. Erste Bekanntschaft mit der Hansestadt machte sie am Deutschen Schauspielhaus. Doch bei aller Freude über ihren Job frustrierte sie zunehmend, dass sie im wahrsten Sinne nur hinter den Kulissen arbeitete. Zufällig entdeckte sie bei Instagram die Projektseite der Stiftung – und bewarb sich. Wer sie nun in Dulsberg besucht, sieht schon an den Plakaten, wie sie Quartierskunst begreift: Mittendrin, statt nur dabei. In ihrer Reihe „Kunst-Marathon“ stellte sie Werke unterschiedlichster Künstlerinnen und Künstler aus. So erhielten etwa ein Fotograf und eine Malerin aus der Nachbarschaft die Chance, ihre Arbeiten der Öffentlichkeit zu präsentieren – kostenlos und ohne die oft vergebliche Suche nach einer Galerie. Gezeigt werden auch Werke von Kindern aus dem Viertel, darunter Bilder von Schlössern, Prinzessinnen und Monstern. „Eines Tages standen zwei Mädchen bei mir im Atelier“, sagt Ji Hyung Nam. Fast jeden Nachmittag malte und zeichnete sie dann mit ihnen. Typisch für ihre Arbeit, alle Projekte entstehen durch persönliche Kontakte. Genau dies macht ihr Engagement in Dulsberg so wertvoll. Die Mädchen, die ihre Bilder im Atelier an der Straßburger Allee malten und über die Ausstellung zu Preisen von zwei bis drei Euro verkauften, kommen aus Familien mit alleinerziehenden Elternteilen.
Die Organisation der Ausstellungen kostet viel Zeit. Dennoch macht Ji Hyung Nam weiter selbst Kunst, sogenannte „Re-Staging-Performances“. Das Schaufenster ihres Ateliers wird dabei zu einer Art Lupe, durch die man ihre Kunst verfolgen kann. Die Vorführungen dauern rund 30 Minuten, zuhören kann man von außen über Kopfhörer.
Ein weiteres Projekt heißt „Märchenstraße“, eine Reise durch das Grün vorbei an der Rotklinkerhäusern des Stadtteils. Bei diesem Spaziergang werden Geschichten von Bewohnerinnen und Bewohnern an unterschiedlichen Orten erzählt. So sollen Menschen zusammengebracht und der Stolz auf das Viertel geweckt werden. Die Quartierskunst von Dulsberg ist eines von vielen Projekten, die die „Stiftung Nachbarschaft“ in ganz Hamburg seit ihrer Gründung finanziert hat. Seit 2007 sind es mehr als 750. Bei vielen Projekten geht es darum, Kinder und Jugendliche in ihrem Wohnumfeld zu unterstützen.

Stolz auf seine jungen Schützlinge: Trainer Kenley Scheffler trainiert mit Hingabe Jugendliche, die sich fürs Boxen begeistern.
Unter der Decke baumeln Boxsäcke, Boxhandschuhe und Bandagen liegen in einem großen Sack. Während Kinder im Erdgeschoss noch Bruchschokolade fabrizieren, wird es im ersten Stock gleich zur Sache gehen. Trainer Kenley Scheffler hat einen Fitness-Zirkel aufgebaut mit Gewichten und einem Medizinball. Er macht die Übungen kurz vor, dann vergießen seine Schützlinge ordentlich Schweiß. Eine Trainingsstation bedient Scheffler selbst. Er zieht sich Schlagpolster über seine Hände, die Jugendlichen schlagen mit aller Kraft auf die Pratzen.
Willkommen beim Boxtraining im Jugendclub Schnelsen im Norden der Hansestadt. Jeden Montag und Donnerstag – nur in den Schulferien wird pausiert – treffen sich hier Kinder und Jugendliche zu intensiven Sporteinheiten. Der Verein Hamburger Kinder- und Jugendhilfe als Träger der Einrichtung bietet das Training kostenlos an. „Wir machen klassische offene Jugendarbeit“, sagt Lilly Wunderlich, Leiterin des Jugendclubs. Es gibt keine verpflichtende Teilnahme. Wer kommen mag, kommt einfach. Und es kommen viele, mitunter tummeln sich bis zu 80 Kinder und Jugendliche in den Räumen oder toben im Garten.
Sie spielen Karten, lesen, surfen im Internet-Café, machen Sport oder chillen einfach. Als die Idee entstand, Boxen anzubieten, suchte Wunderlich nach finanzieller Unterstützung. Dank der „Stiftung Nachbarschaft“ konnte sie eine Matte, Boxsäcke, Boxhandschuhe, Springseile, Pratzen und weitere Ausrüstung anschaffen.
Besonders froh ist sie über den riesigen Spiegel, der an der Wand klebt: „Der ist ebenfalls wunderbar für unsere Tanzgruppe.“ Der größte Glücksgriff gelang ihr allerdings personell. Scheffler trainiert die Gruppe mit einer Leidenschaft, als würde er angehende Weltmeister ausbilden. „Ich will diesem Jugendclub, dem ich so viel zu verdanken habe, etwas zurückgeben“, sagt der Trainer. Denn er war als Kind selbst täglich hier.
„Mit Kenley macht das Training einfach Spaß“, sagt Deniz, der keine Einheit versäumt. Boxen, sagt sein Trainer, diszipliniere die Kinder. Sie würden lernen, dass es sich lohnen kann, sich zu quälen. Seinen Schützlingen gefällt das Training so gut, dass sie ihren Coach um Extra-Einheiten bitten, etwa Jogging-Runden. Scheffler macht das gern, Ehrensache.
Etwa acht Kilometer südöstlich geht es ebenfalls um Themen wie Mut, Fitness und Disziplin. Und der Spaßfaktor kommt ebenfalls nicht zu kurz. Allerdings unterstützt die „Stiftung Nachbarschaft“ hier ein Projekt, das im Ernstfall helfen kann, eine Katastrophe zu verhindern: Brandschutz! Seit Jahren engagiert sich die Freiwillige Feuerwehr Kirchsteinbek in der Kinder- und Jugendarbeit. In der Minifeuerwehr treffen sich einmal im Monat 16 Kinder im Alter von fünf bis zehn Jahren mit ihrem Betreuer-Team. Sie verarzten Kuscheltiere, löschen Brände in Feuerschalen, üben stabile Seitenlagen und lernen, wann und wie man den Notruf alarmiert. „Wir arbeiten sehr spielerisch. Die Kinder sollen einfach Spaß haben“, sagt Minifeuerwehrwart Knut Besser. Deshalb stehen auch Turnen und Plätzchenbacken auf dem Programm. Wie begehrt die Minifeuerwehr ist, zeigt die lange Warteliste mit 30 Kindern.
Anspruchsvoller wird es in der Jugendfeuerwehr. Einmal pro Woche trainieren die Mitglieder. Sie treiben Sport, üben das Löschen von Bränden und den Umgang mit der Ausrüstung. „Der Teamgedanke steht im Mittelpunkt. Bei der Feuerwehr muss sich der eine auf den anderen verlassen können“, sagt Jugendfeuerwehrwart Thorsten Hennig.
Genau dieser Teamgedanke zahlt auf den Zweck der „Stiftung Nachbarschaft“ ein: Sie will Gemeinschaft stärken. Zudem setzt die Freiwillige Feuerwehr Kirchsteinbek alles daran, Jugendliche und Kinder aus vielen Nationen für die Feuerwehr zu begeistern. Ganz im Sinne der Stiftung, die Projekte unterstützen will, die die Integration der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in den Hamburger Wohnquartieren fördern. Sie spendierte deshalb für die Jugendarbeit der Feuerwehr altersgerechte Ausrüstung wie Rohre, Schläuche und Tragekörbe. „Alles eine Nummer kleiner, einfach genial“, so Hennig.
Snezana Michaelis freut sich, dass die laufenden Projekte so gut angenommen werden und über die vielen neuen Bewerbungen um Projektmittel: „Sie sind Beleg dafür, dass die Stiftung seinerzeit richtig positioniert wurde. Der Name Nachbarschaft ist und bleibt Programm und daran arbeiten wir gerne weiter. Es lohnt sich.“
Genau deshalb ist es der Stiftung bei ihrer Entscheidung, ob ein Projekt unterstützt wird, auch so wichtig, dass es bestehende Nachbarschaften im Sinne integrierter Stadtentwicklung stärkt. Dabei geht es laut Stiftung nicht zwingend um einen direkten Bezug zum Wohnungsbestand der SAGA, es geht allein ums Quartier. Die „SAGA GWG Stiftung Nachbarschaft“, ausgestattet mit einem Grundstock von zwei Millionen Euro, will dabei bewusst Impulse setzen, etwa indem wie beim Box-Projekt des Jugendclubs Schnelsen, der Erwerb der notwendigen Erstausstattung unterstützt wird. Jährlich stehen rund 300.000 Euro für Projekte zur Verfügung, die sich aus Spenden der SAGA Unternehmensgruppe speisen. Der Grundgedanke dabei: Die Anschubfinanzierung wirkt idealerweise wie ein Stein, den man ins Wasser wirft. Er zieht Kreise. Und macht das Wohnen im Quartier lebenswerter.
Der Artikel ist zunächst erschienen in der Fachzeitschrift DW Die Wohnungswirtschaft, Heft 9/2025, Seite 8-11, die von Haufe verlegt wird. Das gesamte Heft, in dem der nebenstehende Artikel erschienen ist, kann bei Haufe abonniert werden. Ein Angebot zum Kennenlernen finden Sie unter: https://shop.haufe.de/prod/dw-die-wohnungswirtschaft