Die Zukunft von Baubranche und Wohnungswirtschaft
Gemeinsame Verantwortung und ganzheitliche Betrachtung
Architekt Frank Beister und Stadtplanerin Silke Bainbridge Nott, Hamburger VNW-Landesgeschäftsführerin, geben Einblicke in neue Materialien und diskutieren, womit sich Baubranche und Wohnungswirtschaft perspektivisch auseinandersetzen müssen. Im Interview mit der Expertin und dem Experten wird klar, dass die Zukunft des Bauens weniger von einzelnen Technologien als von veränderten Prozessen, gemeinsamer Verantwortung und systemischem Denken geprägt sein wird. Für die Schadenprävention bedeutet dies, Risiken früher zu erkennen, Entscheidungen transparenter zu treffen und Gebäude ganzheitlich zu betrachten.
„Innovation Material“ ist das Fokusthema des neuen VHV-Bauschadenberichts Hochbau 2025/26. Der siebte Band der erfolgreichen Reihe vereint auf knapp 350 Seiten neben aktuellen Schadendaten und -fakten eine Vielzahl von Innovationen, Erkenntnissen, Entwicklungen und Trends rund um das Thema Schadenprävention im Hochbau. Zudem teilen mehr als 50 Experten aus Wissenschaft, Forschung, Politik und Praxis ihr Wissen. So wichtig wie nie – denn: Wegweisende Materialien wie Recycling-Beton, biobasierte Werkstoffe und intelligente Hybrid-Konstruktionen verändern in Kombination mit digitalen Fertigungsverfahren und Künstlicher Intelligenz (KI) das Planen und Bauen von Grund auf. Der Bauschadenbericht ist als E-Book unter https://bauforschung.de/downloads-oeffentlich/ erhältlich und auch als Printversion verfügbar.
Frank Beister und Silke Bainbridge Nott
Die Zukunft des Bauens
Wo liegen heute die größten Gestaltungsspielräume für ein zukunftsfähiges Bauen und wann werden richtungsweisende Entscheidungen in den Projekten getroffen?
Die größten Gestaltungsspielräume liegen eindeutig in den frühen Projektphasen. Dort werden die entscheidenden Weichen gestellt – für Konstruktion, Materialwahl, energetisches Konzept und spätere Nutzung. Wird Nachhaltigkeit erst in späteren Phasen eingefordert, ist der Handlungsspielraum bereits stark eingeschränkt. Zukunftsfähiges Bauen bedeutet daher vor allem, Zielkonflikte früh transparent zu machen und bewusst zu entscheiden. Der Spielraum entsteht zudem dann, wenn Projektbeteiligte bereit sind, bekannte Pfade zu verlassen – und das Risko auf einer fachlich belastbaren Grundlage zu tragen. Das Ziel ist, dass Bauherr, Planer und Bauunternehmen frühzeitig gemeinsam über Material- und Baukonzepte entscheiden. Dann lassen sich Risiken leichter benennen und gemeinsam tragen.
Ein Good-Practice-Beispiel für eine frühzeitige Zusammenarbeit aller beteiligten Akteure ist in diesem Zusammenhang das Projekt Morellenquartier. Dabei handelt es sich um das Neubauvorhaben einer Wohnungsgenossenschaft im Rahmen des Hamburg-Standards. Das bauausführende Unternehmen wird hier bereits frühzeitig in die Planungsphase eingebunden und ist schon ab Leistungsphase 2 dabei. Die Genossenschaft ist auch der spätere Bestandshalter und kennt ihre Nutzerklientel sehr gut. So wird Transparenz geschaffen und ein möglicher Handlungsspielraum zwischen allen Beteiligten offen besprochen.
Was können neue Materialien überhaupt?
Primär ist hier das Ziel, Baustoffe durch weniger ressourcenverbrauchende und CO2-emittierende Materialien zu ersetzen. Der Einsatz von neuen Materialien stellt sich tatsächlich nicht so einfach dar, wie zunächst gedacht. Beim Erproben im eigenen Hause hat sich gezeigt, dass man die Materialien mit ihren Eigenschaften erst einmal kennenlernen muss. Das Merkmal „aus nachwachsenden Rohstoffen“ ist dabei nicht das einzig Relevante. In der Regel hat der Einsatz Auswirkungen auf zahlreiche Bereiche und Prozesse des Bauens, zum Beispiel das Einbringen und Verarbeiten auf der Baustelle, Lieferwege, Verfügbarkeiten, Zulassungen und nicht zuletzt auch den Preis. Auch technische Anforderungen bestimmen die Einsetzbarkeit der Materialien (zum Beispiel Brandschutz, Schallschutz, Feuchteschutz etc., um hier nur einige Punkte zu nennen). Dennoch lohnt es sich immer, neue Materialien, die auf den Markt kommen, zu sichten und gegebenenfalls auch selbst zu forschen. Dazu später mehr.
Für Bestandshalter steht nicht die Innovation an sich im Vordergrund, sondern deren Alltagstauglichkeit. Neben den von Frank Beister genannten Aspekten ist für unsere Wohnungsunternehmen die Lebensdauer der eingesetzten Bauteile und die damit einhergehenden laufenden Betriebskosten ein wichtiges Entscheidungskriterium. Nachhaltige Materialien müssen sich in Serie einsetzen lassen und dürfen nicht nur in Einzelprojekten funktionieren. Dies betrifft auch eine spätere Beschaffbarkeit in Hinblick auf die Reparierbarkeit und Instandhaltung der Gebäude. Standards für Wartung, Instandhaltung und Reparatur müssen daher bekannt und verlässlich sein. Erfreulich ist, dass derzeit überlegt wird, wie Wohnraumförderungen perspektivisch ausgestaltet werden sollten, damit der Fokus auf CO2-Einsparungen liegt und nicht mehr auf einer Gebäudeeffizienz. Hier hat die Initiative CO2-Praxispfadreduktion im Gebäudesektor[1] erhebliche Arbeit geleistet.
[1] Vgl. https://www.initiativepraxispfad.de
Recycling-Baustoffe: Warum bleibt der Durchbruch bisher aus? Wo bestehen aus Sicht eines Bauunternehmens aktuell die größten Umsetzungshemmnisse?
Neben den schon geschilderten Aspekten sind bauaufsichtliche Zulassungen ein zentrales Thema. Einzelfallzulassungen ermöglichen zwar den schnellen Einsatz innovativer Baustoffe bevor der Weg der allgemeinen Zulassung beschritten wird, diese sind aber auch mit erheblichem Aufwand verbunden. Für jedes Projekt müssen die Nachweise neu geführt werden. Hinzu kommen Haftungs- und Gewährleistungsfragen. Als ausführendes Unternehmen tragen wir die Verantwortung für die Dauerhaftigkeit – und müssen diese auch gegenüber Auftraggebern und Versicherern belegen können. Innovation darf daher nicht mit Experiment gleichgesetzt werden. Es braucht belastbare Nachweise zur Langlebigkeit, klare Regelwerke und eine Perspektive, wie neue Materialien vom Sonderfall in den Regelbetrieb überführt werden können. Hier hat Hamburg schon erste Schritte in die richtige Richtung geleistet: mit der Einrichtung einer eigenen Stelle zur Prüfung und Zulassung von zum Beispiel kreislaufwirtschaftlichen Materialen.
Haben sie da ein Beispiel?
Ja. In der Praxis erleben wir, dass funktionierende Lösungen existieren, deren Anwendung aber durch hohe Anforderungen und langwierige Genehmigungsprozesse ausgebremst wird. Im Rahmen des EU-Forschungsprojekts CIRCuIT haben wir eine besondere Recyclingbetonmischung entwickelt, die wir nach Abschluss noch optimiert und in einem Pilotprojekt real verbaut haben. Die eigentlich frühzeitig geplante Einzelfallzulassung hat am Ende erst in letzter Sekunde eine Genehmigung gebracht, weil sich die Laufzeit der Versuche unerwartet verzögert hat. Dabei hat uns die Genehmigungsbehörde vorbildlich unterstützt und bevorzugt behandelt. Darauf kann man aber nicht immer vertrauen. An den erheblichen Kosten des Zulassungsverfahrens hat sich übrigens niemand beteiligt.
Planung neu denken:
Warum Nachhaltigkeit kein Einkaufsthema ist
Warum greift der Bauherrenwunsch „Mach das mal alles nachhaltig“ zu kurz? Und was bedeutet das für die tägliche Arbeit von Planern?
Weil Nachhaltigkeit kein Produkt ist, das man bestellen kann. Sie entsteht aus Entscheidungen – und diese werden im Planungsprozess getroffen. Wer Nachhaltigkeit auf den Einkauf reduziert, verkennt die systemischen Zusammenhänge zwischen Konstruktion, Material, Nutzung und Betrieb. Zukunftsfähige Projekte erfordern integrierte Prozesse und ein gemeinsames Verständnis von Qualität, Risiko und Zielsetzung. Wenn wir die Prozesse des Planens, Bauens und Betreibens effizienter gestalten, zum Beispiel durch digitale Arbeitsweisen, gewinnen wir Spielräume für die Materialauswahl bei der Ausführung.
Nachhaltige Lösungen entstehen dort, wo die Planung offen angelegt ist und Alternativen zugelassen werden. Das setzt voraus, dass Auftraggeber bereit sind, Zielvorgaben klar zu formulieren, ohne Lösungen vorwegzunehmen. Das bedingt wiederum, dass die Beteiligten bereit sind, Verantwortung zu tragen und Entscheidungen zu treffen.
Wie viel Veränderung ist bei der Erwartungshaltung der späteren Wohnraumnutzer möglich? Welche Rolle übernehmen diese bei der Umsetzung nachhaltiger Konzepte?
Eine sehr große. Nachhaltige Gebäude erfordern teilweise ein Umdenken – etwa bei Materialästhetik oder Nutzungskonzepten. Nicht jede Oberfläche muss perfekt sein, nicht jede Lösung dem gewohnten Bild eines Neubaus entsprechen. Entscheidend ist, dass Gebäude funktionieren, langlebig sind und sich an veränderte Anforderungen anpassen können. Akzeptanz entsteht dort, wo Nutzer verstehen, warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden. Transparente Kommunikation ist daher ein wesentlicher Bestandteil nachhaltigen Bauens. Nachhaltigkeit kann auch mit Verzicht, aber zumindest mit Veränderungen für die Nutzer einhergehen. Außerdem sind die Kosten für den Betrieb des Gebäudes ein relevanter Faktor, denn die Wohnkostenbelastung darf die Haushalte nicht überfordern.
Wir brauchen in diesem Zusammenhang mehr Verständnis aller Beteiligten füreinander. Jeder muss für sich selbst überlegen, was er dazu beitragen kann und letztendlich auch was er fordert, damit man insgesamt zu nachhaltigen Lösungen kommt. Wir müssen uns auf eine gemeinsame Interessensgrundlage verständigen können und dürfen nicht in allen Aspekten das Maximum erwarten.
Der Quartiersansatz gewinnt an Bedeutung
Warum rückt der Quartiersansatz zunehmend in den Fokus? Und welche Voraussetzungen braucht es dafür?
Weil viele Zukunftsthemen bei der Betrachtung von Einzelgebäuden nur begrenzt lösbar sind, rückt immer mehr die Betrachtung der Quartiere in den Fokus, um die gesetzten Ziele überhaupt erreichen zu können und qualitätsvolle Lösungen zu finden. Energieversorgung, Mobilität, Flächeneffizienz und Klimaresilienz (um nur einige zu nennen) entfalten ihr Potenzial erst im größeren Zusammenhang. Quartiere ermöglichen Synergien, die einzelne Gebäude nicht leisten können. Das heißt auch, dass zukunftsfähige Konzepte über Grundstücks- und Eigentumsgrenzen hinweg gedacht werden müssen. Oft braucht es einen übergeordneten Ansprechpartner, der Prozesse koordiniert und Zielkonflikte moderiert. Ohne diese Struktur bleiben viele Quartiersansätze theoretisch.
Schlussstatement: Was braucht es jetzt konkret?
Warum rückt der Quartiersansatz zunehmend in den Fokus? Und welche Voraussetzungen braucht es dafür?
Wir brauchen Mut zu neuen Lösungen – aber auf einer soliden fachlichen Basis. Innovation und Sicherheit, Kosten und Nachhaltigkeit dürfen kein Widerspruch sein.
Und wir brauchen den Willen gemeinschaftlich zu handeln. Klimaneutralität, soziale Stabilität und wirtschaftliche Tragfähigkeit lassen sich nur zusammen denken.

Frank Beister
Frank Beister ist Architekt und BIM-Manager. Nach langjähriger Planungstätigkeit in Hamburger Architekturbüros über alle Leistungsphasen verantwortet er heute bei OTTO WULFF den Bereich Building Information Modeling (BIM). Er befasst sich mit der Einführung und Anwendung digitaler Planungsmethoden im Bauprozess und vertrat das Unternehmen im EU-Forschungsprojekt „CIRCuIT“ (Circular Construction in Regenerative Cities). In diesem Zusammenhang koordinierte er die Entwicklung einer Recyclingbeton-Mischung („Nordmische“) aus vollständig mineralischem Rezyklat. Er ist im Unternehmen an verschiedenen Nachhaltigkeitsthemen beteiligt.
OTTO WULFF
Seit mehr als 90 Jahren deckt das familiengeführte Unternehmen die gesamte Wertschöpfungskette einer Immobilie ab – von der Grundstücksakquise und Planung über die Entwicklung und den Bau bis hin zum Betrieb und zur Verwaltung. An den Standorten Hamburg, Berlin und Leipzig arbeiten rund 650 Beschäftigte aus über 20 Nationen. Das Unternehmen verbindet traditionelle Arbeitsweisen mit dem Anspruch, innovative und nachhaltige Lösungen weiterzuentwickeln. Sein Ziel ist die Schaffung funktionaler und lebenswerter Räume.

