Von Peter Wenig
Büchen. Vor dem Fahrradabstellraum aus Holz spielen Kinder, ein Paar schleppt Einkaufstüten in den zweiten Stock. Auf dem Bahndamm, einen Steinwurf entfernt, rauscht ein Regionalexpress vorbei. Auf den ersten Blick wirkt das schmucke dreigeschossige Gebäude-Ensemble in Büchen, einer Gemeinde im Herzogtum Lauenburg (Schleswig-Holstein), wie ein ganz normaler Neubau.
Ein Blick in den Heizungsraum offenbart, dass diese drei Häuser zumindest für bundesdeutsche Verhältnisse dennoch ungewöhnlich sind. Zu sehen sind weder Gasbrenner noch Fernwärmeanschluss.
„Diese Häuser werden energetisch mit Geothermie versorgt“, sagt Bürgermeister Uwe Möller, der zum Termin mit dem VNW-Magazin seine Kollegin Maria Hagemeier-Klose mitgebracht hat. Die promovierte Geographin leitet das Sachgebiet Liegenschaften und ist zudem Klimaschutzmanagerin für das Amt Büchen. Dem Amt gehören neben Büchen 14 Nachbargemeinden an.
Wärme aus 130 Meter Tiefe
In 30 Erdwärmesonden zirkuliert bis in eine Tiefe von 130 Metern eine Trägerflüssigkeit, die – betrieben über vier Wärmepumpen – Erdwärme nutzt. „Wir verzichten in diesen Gebäuden bei der Wärmeversorgung komplett auf fossile Energien. Der Strom, den wir zum Betrieb der Wärmepumpen benötigen, kommt zu 100 Prozent aus Ökostrom“, sagt Maria Hagemeier-Klose. Geothermie sorgt auch für warmes Wasser in den 35 Wohnungen.
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Nun ist Erdwärme keineswegs ein neues Verfahren. Bereits im ersten Jahrhundert heizten die Römer in Aachen und Wiesbaden Häuser und Thermen mit heißem Quellwasser, in Neuseeland nutzten die Maori die Erdhitze zum Kochen. Der italienische Geschäftsmann Piero Ginori Conti erzeugte 1904 erstmals über Erdwärme Strom. Fünf Glühbirnen versorgte er über einen Dynamo, der von einer Dampfmaschine mit Erdwärme angetrieben wurde.
In Deutschland mahnen Experten seit Jahren, dass Erdwärme viel zu wenig genutzt werde. „Wir brauchen Geothermie vor allem für die Wärmewende, die hat Deutschland seit Jahren verschlafen“, sagte Maximilian Keim, Geowissenschaftler und Experte für Tiefengeothermie an der TU München, der „Zeit“.
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Nicht nur Klimaschutz
Umso erstaunlicher, dass eine Gemeinde mit gerade 6.500 Einwohnern nun diesen Schritt gewagt hat. Wohlgemerkt in Eigenregie, Büchen unterhält keine kommunale Wohnungsbaugesellschaft.
Für Bürgermeister Möller war diese Entscheidung indes vielmehr Chance denn Risiko. „Die Technik ist ausgereift und sicher“, sagt der Sozialdemokrat. Als das Gebäude 2015 geplant wurde, hatte er zwei Dinge im Blick: „Wir wollten etwas für den Klimaschutz tun und zugleich für günstige Betriebskosten sorgen. Uns war damals schon klar, dass die fossilen Energien immer teurer werden.“
Wie weitsichtig diese Entscheidung war, beweisen nun die Folgen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Gas wurde dramatisch teurer. Wie günstig Geothermie im Vergleich ist, zeigen die Betriebskosten in Büchen: Die Mieter zahlen nur 2,66 Euro pro Quadratmeter, deutlich unter den Betriebskostenspiegeln des Deutschen Mieterbunds für Schleswig-Holstein (3,20 Euro). Dabei sind die drei Häuser hochwertig ausgestattet – etwa mit Aufzügen, die die Nebenkosten verteuern.
Investition amortisiert sich
Schon jetzt zeichnet sich ab, dass sich die Investitionskosten von 611.000 Euro – die Sondenanlage kostete 242.000 Euro, die Wärmeversorgung mit Wärmepumpen und Fußbodenheizung 369.000 Euro – rasch amortisieren werden. Dass die Technik im eher preisgünstigen sozialen Wohnungsbau eingesetzt wurde, ist nur auf dem ersten Blick ein Widerspruch.
„Gerade bei den hier so preiswerten Kaltmieten von 5,20 bis 5,51 Euro pro Quadratmeter fallen die Betriebskosten besonders ins Gewicht“, sagt Möller: „Wer hier wohnt, muss in aller Regel sehr rechnen, um über die Runden zu kommen. Und wenn Heizkosten Mieter finanziell überfordern, müssen wir als Gemeinde einspringen.“
Büchen profitierte bei der Entscheidung für die Erdwärme von den damals noch günstigen Preisen für Bohrungen. „Heute wäre ein solches Projekt deutlich teurer“, sagt Maria Hagemeier-Klose. Und dennoch werden auf der anderen Seite des Bahndamms erneut tiefe Löcher gebohrt.
Bei dem großen Erweiterungsbau der Grundschule setzt Büchen ebenfalls auf Geothermie. Auf dem Dach wird zudem eine Photovoltaik-Anlage installiert, die Sonne wird also künftig den Strom für die Wärmepumpen liefern – mehr Nachhaltigkeit geht nicht.
Und auch nicht mehr Sicherheit in Sachen Energie. „Sollte es irgendwann doch in einem Winter zu Problemen bei der Versorgung mit Gas kommen, könnten wir in der Schule Wärmestuben einrichten.“ Beim Neubau der Kita Forschernest setzt Büchen ebenfalls auf die Kombination Erdwärme und Sonnenenergie, ergänzt um ein Gründach. Ob die drei Wohngebäude mit Photovoltaik nachgerüstet werden, prüft die Gemeinde gerade.
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Pflicht zum nachhaltigen Denken
Möller ist überzeugt, dass sich auch diese Investitionen – abgesehen vom Klimaschutz – durch die günstigeren Betriebskosten rechnen werden. Er sieht gerade im öffentlich geförderten Wohnungsbau die Pflicht zum nachhaltigen Denken: „In Schleswig-Holstein endet die Bindungsfrist nach 35 Jahren. Wollen wir dann an anderer Stelle wieder Flächen versiegeln, um neue Sozialwohnungen zu bauen? Das kann doch nicht der Weg sein.“
Geothermie werde über Jahrzehnte für günstige Betriebskosten sorgen. Büchen setzt in den drei Gebäuden auch abseits der Erdwärme konsequent auf Qualität – mit Fußbodenheizung, mit Glasfasernetz und vor allem mit Fahrstühlen.
Möller sagt: „Diese Wohnungen sind allesamt barrierearm. Gebäude, die bis in die 1970er Jahre errichtet wurden, haben oft keine Aufzüge. Und die Erdgeschosswohnungen liegen im Hochparterre, sind also nur über Treppen erreichbar. Viele ältere Bürgerinnen und Bürger, die dort leben, werden irgendwann auf Wohnungen wie hier an den Eichgräben angewiesen sein.“
Schon jetzt sind die Wartelisten lang, Büchen liegt im Speckgürtel der Metropole Hamburg. Trotz der höheren Investitionskosten und niedriger Mieten schreibt die Gemeinde mit dem neuen Quartier eine schwarze Null.
Taugt Büchen als Modell für die Zukunft? Maria Hagemeier-Klose ist davon überzeugt: „Natürlich sollte man immer eine Testbohrung machen. Aber für die Oberflächengeothermie, die wir hier nutzen, ist grundsätzlich jeder Standort in Deutschland geeignet.“
Der Journalist und Autor Peter Wenig (62) beschäftigt sich seit Jahren mit Wohnungspolitik sowie dem Gesundheitswesen. 2022 erschien im Junius-Verlag mit „Vergiss den Tod“ sein erster Kriminalroman, der sich mit dem Thema Demenz auseinandersetzt.