Gegen die Einsamkeit
Nach einer Studie des GdW haben 26 Prozent der Mieterinnen und Mieter keine oder nur wenige Menschen, die ihnen nahestehen. Der Kampf gegen Einsamkeit zählt zu den großen Herausforderungen der sozialen Wohnungsunternehmen. Beispiele aus Schwerin und Hamburg machen Mut.
von Peter Wenig
Der kleine Flachbau an der Lessingstraße duckt sich zwischen den mächtigen Plattenbauten im Herzen der Schweriner Weststadt. Auf der Fassade steht in großen Buchstaben der Schriftzug „NEBENAN“. Für viele der mehr als 11.000 Einwohner der Weststadt ist dieses Gebäude längst ein Stück Heimat. Yoga, Gedächtnistraining, Tanzen, Basteln, Seniorensport – fast jeden Tag finden hier Veranstaltungen statt. Beim Telefonat mit dem VNW-Magazin schaut Petra Haacke aus dem Fenster und sagt: „Allein in den letzten 15 Minuten waren hier zehn Leute in unserem Tauschbuch-Häuschen.“
Die gelernte Theaterwissenschaftlerin arbeitet als Quartiersmanagerin für den Verein „Hand in Hand“. Ihre Stelle wird zur Hälfte von der Stadt Schwerin und der Schweriner Wohnungsbaugenossenschaft (SWG) finanziert. Quartiersarbeit heißt in diesem Stadtteil auch: Kampf gegen Einsamkeit. „Dieses Phänomen nimmt leider immer weiter zu“, sagt Petra Haacke.
Und dies gilt nicht nur für Mecklenburg-Vorpommern. Nach der vom GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen herausgegebenen Studie „Wohntrends 2040“ erklärten 26 Prozent der befragten Mieter, sie hätten keine oder nur wenige Menschen, die ihnen naheständen. Und 44 Prozent konnte die Aussage nicht bestätigen, genug Gesellschaft zu haben.
Auch andere Studien belegen, dass sich immer mehr Menschen einsam fühlen. Die Pandemie wirkte dabei wie ein Brandbeschleuniger. Von knapp 15 Prozent im Jahr 2017 stieg die Quote der einsamen Menschen auf fast 47 Prozent; der „Spiegel“ spricht von einem „Long Covid der Seele“. Und Einsamkeit macht krank. Menschen, die sich allein fühlen, bewegen sich weniger, rauchen und schlafen schlechter. Laut Medizinern zählt Einsamkeit zu den Risikofaktoren für Diabetes, Bluthochdruck und Herzerkrankungen. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) nennt Einsamkeit die „neue soziale Frage unserer Zeit“.
„Quartiere und Nachbarschaften gelten als ein Ort, um die Einsamkeit zu überwinden.“
Laut Studie „Wohntrends 2040“ kommt der Wohnungswirtschaft im Kampf gegen Einsamkeit eine Schlüsselrolle zu: „Quartiere und Nachbarschaften gelten als ein Ort, um die Einsamkeit zu überwinden.“ Den Menschen müsse möglich gemacht werden, sich zu vernetzen: „Das geht über Gemeinschaftsräume, aneignungsfreundliche Freiräume und über niederschwellige Gemeinwesenarbeit und Anstiftung zur Selbstorganisation im Quartier.“
Die entsprechenden Initiativen der Wohnungsgenossenschaften, kommunalen sowie sozialorientierte privaten Wohnungsunternehmen, die im VNW organisiert sind, könnten unterschiedlicher kaum sein. Sie reichen von Aktivitäten, die die Nachbarschaft stärken, über Fahrrad-Selbsthilfegruppen bis zu Pflanzaktionen an Hochbeeten. Sie alle eint der Gedanke: Gemeinsam gegen einsam.
In Schwerin wurde die Idee, einen Verein zu gründen, der sich für das Miteinander der Menschen in den großen Schweriner Stadtteilen einsetzt, vor mehr als 25 Jahren geboren. Angesichts der negativen Entwicklung in den Plattenbaugebieten fühlte sich die SWG als Genossenschaft verpflichtet, etwas zu tun. Aufgelöste Hausgemeinschaften, geringe Renten und Arbeitslosigkeit führten dazu, dass sich viele Menschen nicht mehr am sozialen und kulturellen Leben beteiligen.
Der Verein „Hand in Hand“ gegründet am 18. Juni 1998 von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der SWG und zahlreichen engagierten Bürgern und Firmenvertretern, fördert laut Satzung Gemeinschaften und Nachbarschaften, um das Miteinander in den Stadtteilen zu stärken. Zeitgleich schuf die SWG die Abteilung „Soziales Management“. Verein und Abteilung kümmern sich seitdem um die Quartiersarbeit.
Gerade in der Schweriner Weststadt ist dieses Engagement besonders wichtig. Der Stadtteil ist überaltert: 44,1 Prozent der Einwohner sind zwischen 60 und 75 Jahren alt, 21,6 Prozent über 75. Entsprechend viele Menschen leben dort allein. „Quartiersarbeit bedeutet hier Netzwerkarbeit“, sagt Petra Haacke. Regelmäßig tauscht sie sich mit Ambulanten Pflegediensten, Pflegestützpunkten, Kirchengemeinden, dem Sozialverband und dem Sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt aus.
Wichtig seien niedrigschwellige Angebote. „Wir müssen immer versuchen, auch die Menschen, die sich nicht trauen, aus ihrer oft selbstgewählten Isolation zu holen“, sagt Petra Haacke. Mitunter reicht ein kleiner Anstoß, etwa, wenn die Nachbarin sagt: „Der Handarbeitszirkel war wieder wunderbar, kommt doch auch mal mit.“
Und die Angebote dürfen nicht zu teuer sein. „Viele haben hier nur eine kleine Rente“, sagt Petra Haacke. Deshalb meidet „Hand in Hand“ verpflichtende Kursangebote, die sich über Monate ziehen. Stattdessen zahlt man ein paar Euro für eine Yoga- oder Sportstunde. Alles kann, nichts muss.
Petra Haacke ist überzeugt, dass die Arbeit im Quartier die Wohnungsgenossenschaft stärkt. „Wenn die Kinder wissen, dass sich der Vermieter auch um soziale Belange kümmert, raten sie ihren Eltern eher, sich dort eine Wohnung zu suchen.“
Wie LeNa in Hamburg hilft
Becher und Mineralwasser stehen direkt im Eingang auf einem Tablett, daneben liegt ein Blatt mit der Aufforderung: „Bitte bedienen Sie sich!“ Der Weg führt direkt in einen Gemeinschaftsraum mit einem großen Holztisch, Stühlen und Sesseln, dahinter lädt ein Innenhof zum Verweilen ein.
Willkommen bei „LeNa“ am Osdorfer Born an der westlichen Grenze der Hansestadt zu Schleswig-Holstein. „LeNa“ steht für „Lebendige Nachbarschaft“, ein Konzept, mit dem die SAGA als größte Hamburger Vermieterin lebenslanges und selbstbestimmtes Wohnen ermöglichen will.
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Dort, wo einst eine betagte Auto-Abstellanlage stand, beherbergt nun ein moderner fünfgeschossiger Neubau 78 barrierefreie Zwei- bis Drei-Zimmer-Wohnungen. Darunter sind neun Wohnungen rollstuhlgerecht nach DIN 18040-2 (R) gebaut und ausgestattet. Die SAGA hat das Haus mit öffentlicher Förderung errichtet, entsprechend günstig sind die Mieten.
„Wir wollten gezielt Wohnraum für Senioren schaffen und haben unsere Tochtergesellschaft ProQuartier mit einer detaillierten Analyse beauftragt“, sagt Sven Solterbeck, Leiter der SAGA-Geschäftsstelle Osdorf. Das Ergebnis: Rund 20 Prozent der Bewohner der Großwohnsiedlung sind über 60 Jahre. Und ebenfalls 20 Prozent beziehen Grundsicherung im Alter. „Am Ende geht es auch um Einsamkeit. Ältere Menschen, die sich kaum etwas leisten können, fühlen sich besonders häufig isoliert. Das bleibt leider oft unter dem Radar“, sagt Solterbeck.
„Am Ende geht es auch um Einsamkeit.“
Der städtische Konzern mit 140.000 Wohnungen entschied sich, das bereits in drei Hamburger Stadtteilen mit Erfolg erprobte „LeNa“-Konzept auch am Osdorfer Born zu realisieren. „Dieses Projekt ruht auf vier Säulen“, sagt Mareike Wiegmann, Teamleitung Quartiersentwicklung bei ProQuartier.
Zuallererst gehe es darum, Wohnraum zu schaffen, der auch für Mieter mit Bewegungseinschränkungen geeignet ist. Denn die meisten Senioren wollen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden und dem gewohnten Quartier bleiben. Doch angesichts enger Badezimmer, schmaler Türen und fehlender Fahrstühle ist dies in vielen mehrgeschossigen Wohnhäusern der 1960er und 1970er Jahre kaum möglich.
Dann will „LeNa“ – wie der Name schon sagt – nachbarschaftliche Aktivitäten fördern. Das Herz des Konzepts schlägt im Gemeinschaftsraum, wo sich die Mieter zum Frühstück, zum Schachspielen oder zum Malen treffen – alles weitgehend selbstorganisiert. „Wir wollen eine informelle Hilfskultur schaffen“, sagt Mareike Wiegmann. Wenn man sich kenne, falle die Bitte um Unterstützung viel leichter. „Da geht es um Kleinigkeiten. Etwa, sich beim Einkaufen etwas mitbringen zu lassen, wenn man gerade aus dem Krankenhaus kommt. Oder die Blumen zu gießen, wenn man in Urlaub fährt“, sagt Mareike Wiegmann.
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Mareike Wiegmann und Sven Solterbeck
Im dritten Konzept-Baustein geht es um formelle Hilfsangebote, dafür gibt es u.a. ein Nachbarschaftsbüro vis-à-vis zum Gemeinschaftsraum, hier kann sich die Nachbarschaft organisieren, Veranstaltungen und Gruppen planen sowie Hilfesuchende mit Engagierten aus dem Quartier zusammenbringen.
Säule Nr. 4 bietet dann professionelle Unterstützung – etwa die Vermittlung eines ambulanten Pflegedienstes. „Mit unseren Partnerinnen und Partnern sorgen wir dafür, dass Menschen auch bei zunehmendem Assistenzbedarf in ihrer gewohnten Umgebung wohnen können“, sagt Solterbeck. Schritt für Schritt will sich „LeNa“ für das gesamte Quartier öffnen. „Von den Angeboten aus dem LeNa-Projekt sollen alle Bewohner aus dem Stadtteil profitieren“, sagt Solterbeck.
Mit Magie gegen Isolation
Der Weg zu den Brettern, die bekanntlich die Welt bedeuten, führt über eine schmale Treppe. Durch den Bühneneingang machen sich an diesem Nachmittag 50 Mitglieder der Wohnungsbaugenossenschaft KAIFU-NORDLAND auf, um hinter die Kulissen des Thalia-Theaters in Hamburg zu schauen. Die Besucher dürfen in die Tischlerei und in den Malersaal, wo die riesigen Bühnenbilder entstehen. Sie sehen, wie die Drehbühne wie von Zauberhand bewegt wird, und staunen über das Gewirr von Kabeln und Schläuchen in der Unterbühne.
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Der Theaterbesuch zählt zu den Höhepunkten der KAIFU-Salons, einer Veranstaltungsreihe exklusiv für die Mitglieder der Genossenschaft. Das Programm reicht von der Krimi-Lesung bis zur Vernissage, vom Rundgang im Museum für Hamburgische Geschichte bis zur Führung durch einen Tiefbunker, vom gemeinsamen Fahrrad-Check mit Ostereier-Suche bis zur „Millerntour“, einer Führung durch das Stadion des FC St. Pauli.
„Die Gemeinschaft zu fördern, ist uns sehr wichtig.“
„Die Gemeinschaft zu fördern, ist uns sehr wichtig“, sagt KAIFU-Vorstand Dennis Voss. Dies geschehe nicht nur durch die vielen Veranstaltungen, sondern auch in den Quartieren: „Dort treffen sich unsere Mitglieder regelmäßig in den KAIFU-Salons, wie wir unsere Nachbarschaftstreffs nennen. Und es gibt Gruppen, die sich selbst organisieren. Etwa beim Reparieren von Fahrrädern, beim Malen und beim Fotografieren.“ Es gehe darum, Mitglieder zusammenzubringen: „Die überlegen dann gemeinsam, was sie in den Quartieren unternehmen können.“ Die Genossenschaft setzt auch auf Informationsangebote, etwa beim Thema Wohngeld: „Wir freuen uns, wenn Mitglieder nach einer Beratung feststellen, dass sie Anspruch auf diese Leistung haben.“
Vicky Gumprecht, verantwortlich bei der KAIFU für Veranstaltungen, sagt, dass sie Türen öffnen möchte. Etwa zur Architektur wie bei einer Veranstaltung mit einem Architekturhistoriker. Oder zur Wissenschaft wie bei der Führung durch das DESY (Deutsches Elektronen-Synchrotron).
Die meisten Veranstaltungen sind kostenlos oder gegen eine geringe Gebühr. Auch dies ist Vicky Gumprecht wichtig: „Wir wissen, dass gerade viele ältere Mitglieder angesichts der Inflation und der gestiegenen Energiekosten auf jeden Euro achten müssen.“ Am Ende, sagt sie, komme es immer auf Kleinigkeiten an: „Bei einem Essen in einem Restaurant bauen wir lieber eine längere Tafel auf als Zweier-Tische. Wir möchten, dass Mitglieder, die alleine kommen, schnell Anschluss finden.“
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KAIFU-Vorstand Dennis Voss
Für Vorstand Voss geht es bei allen Quartierskonzepten immer um den Sozialraumbezug. „Wir wollen, dass die Mitglieder sagen: Das ist meine Stadt, mein Stadtteil, meine Wohnanlage, meine KAIFU.“ Die KAIFU will erreichen, dass die Mieter so lange wie möglich in ihren vier Wänden wohnen bleiben können. Als Beispiel nennt Voss den mit dem Bauherrenpreis ausgezeichneten Neubau im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. Dort entstanden 26 barrierearme Zwei-Zimmer-Wohnungen, gezielt errichtet für die Altersgruppe ab 65 Jahren. „Die Mitglieder verstehen sich sehr gut, helfen sich zum Beispiel gegenseitig beim Einkaufen“, sagt Voss. Einmal im Monat trifft sich eine Gruppe zum Klönen bei Kaffee und Kuchen im Gemeinschaftsraum. Und demnächst soll dort auch über Literatur und Filme diskutiert werden. Ein Mitglied plant eine Kreativgruppe.
Gemeinsam gegen einsam – es wirkt.