VNWmagazin 4_2024
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„Die einzigen Vermieter, die für Familien offen waren, waren Genossenschaften.“

Nach einer Eigenbedarfskündigung hat die vierköpfige Familie Woitschig drei Monate Zeit, eine neue Wohnung zu finden. Dabei muss sie erleben, dass Familien mit Kindern oft nicht gewollt sind. Manche Vermieter machen daraus auch keinen Hehl.



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Welche Erfahrungen haben Sie bei der Wohnungssuche in Hamburg gemacht?

Mirko Woitschig

Die Wohnungssuche in Hamburg gestaltet sich als äußerst herausfordernd, insbesondere für Familien. Wir standen unter großem Zeitdruck und mussten kurzfristig eine passende Wohnung finden. Zudem konkurriert man mit sehr vielen Mitbewerbern um eine Wohnung.

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Was war für Sie als Familie die größte Hürde bei der Wohnungssuche?

Mirko Woitschig

Viele private Vermieter lehnen Familien mit Kindern von vornherein grundsätzlich ab. Es kam sogar vor, dass bei Telefongesprächen nach der Frage, ob Kinder mit einziehen, einfach aufgelegt wurde, sobald wir dies bejahten. Selbst nach Besichtigungen haben wir oft die Rückmeldung erhalten, dass man sich letztlich für Bewerber ohne Kinder entschieden hat – das wurde uns auch offen und ehrlich so mitgeteilt.

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Familien haben oftmals Probleme, eine ausreichend große Wohnung zu finden. Wie war das bei Ihnen?

Mirko Woitschig

Leider haben wir ähnliche Erfahrungen gemacht. Im Bereich bis zwei Zimmer mit einer Wohnfläche von 60 Quadratmetern war der Markt vergleichsweise gut. Bei größeren Wohnungen hingegen wurde es deutlich schwieriger.

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In welchen Hamburger Stadtteilen ist es für eine Familie mit Kindern besonders schwierig, eine Wohnung zu finden?

Mirko Woitschig

Ich kann das nur schwer beurteilen, da wir unsere Suche ausschließlich auf den Süderelberaum konzentriert haben. Dort ist unsere Infrastruktur für die Kinder – Kita, Großeltern, Schwimmen, Turnen. Diese Aspekte sind für uns sehr wichtig, damit wir beide in Vollzeit arbeiten können.

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Viele Familien ziehen ins Umland – auch weil ihre Kinder dort in unmittelbarer Nähe zur Natur aufwachsen können. Wäre das für Sie eine Option gewesen?

Mirko Woitschig

Tatsächlich ist ein Umzug ins Umland für die Zukunft eine Option. Aktuell hatten wir jedoch nicht die nötige Zeit für eine Suche. Zudem wäre wahrscheinlich die Kita in einem neuen Bundesland erforderlich gewesen, da Familien, die im Umland leben, den Hamburger Kita-Gutschein nicht mehr nutzen können. Das hätte bedeutet, dass die neue Wohnort-Gemeinde uns eine Kostenübernahmeerklärung hätte ausstellen oder wir die Kita in Hamburg privat hätten finanzieren müssen, was wirtschaftlich schwierig gewesen wäre. Darüber hinaus sind die Mieten im Umland ebenfalls gestiegen, und möglicherweise wäre ein zusätzliches Auto notwendig geworden, was weitere Kosten für uns mit sich gebracht hätte.

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Viele Familien verdienen zu viel für staatliche Hilfen, aber zu wenig, um sich eine (teure) Wohnung leisten zu können. Welche speziellen Fördermaßnahmen für Familien halten Sie für sinnvoll?

Mirko Woitschig

Ich bin mir nicht sicher, ob es da von staatlicher Seite eine umfassende Lösung für dieses Problem gibt, außer das Bauen für Genossenschaften und kommunale Wohnungsunternehmen zu erleichtern. Sinnvoll wäre sicherlich die Schaffung von Förderkulissen, die auch Familien der mittleren Einkommensgruppen unterstützen. Mit dem 3. Förderweg in Hamburg ist da ein wichtiger erster Schritt getan. Bei der KAIFU haben wir zudem ein Projekt ins Leben gerufen, das darauf abzielt, vorhandenen Wohnraum für Familien „verfügbar“ zu machen.

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Wie funktioniert das?

Mirko Woitschig

Familien mit Kindern freuen sich über jeden zusätzlichen Quadratmeter Platz. Wenn die Kinder ausziehen, ist die Wohnung jedoch oft zu groß. Wer sich „verkleinern“ will, hat gerade in Metropolen wie Hamburg ein Problem. Hier kostet auf dem „freien“ Wohnungsmarkt eine neu vermietete kleinere Wohnung genauso viel oder mehr als die größere Wohnung mit einem schon seit Jahrzehnten existierenden Mietvertrag. Erschwert wird die Suche dadurch, dass Menschen in ihrem angestammten Quartier bleiben möchten.

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Welche Lösung bietet die KAIFU an?

Mirko Woitschig

Mitglieder können vom Programm „Groß gegen Klein“ profitieren. Wer von einer großen familiengerechten Wohnung in eine kleinere Wohnung umziehen möchte, kann sich mit der KAIFU in Verbindung setzen. Die Genossenschaft unterstützt bei einem Umzug in eine passende kleinere Wohnung im Bestand zum Beispiel mit einem pauschalen Zuschuss zu den Umzugskosten. Zudem wird diese renoviert übergeben. Ist die neue Wohnung vergleichbar ausgestattet, bleibt es bei der bisherigen Nettokaltmiete pro Quadratmeter. Die Nutzungsgebühr wird unter diesen Umständen niedriger ausfallen, weil die Fläche kleiner ist.

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Sie haben letztlich bei einer Genossenschaft eine Wohnung gefunden. Würden Sie jungen Menschen – auch im Hinblick auf die künftige Familienplanung – empfehlen, frühzeitig Mitglied einer Genossenschaft zu werden?

Mirko Woitschig

Definitiv. Die einzigen Vermieter, die für Familien offen waren, waren Genossenschaften. Wir hatten das Glück, mit unserem Umzug in eine Wohnung des Eisenbahnbauvereins Harburg in eine Genossenschaft zurückkehren zu können, in der wir bereits einmal gelebt haben und in der wir seit über 15 Jahren Mitglied sind. Zum Zeitpunkt der Geburt unseres ersten Kindes konnten wir über die Genossenschaft keine passende Wohnung finden, doch jetzt hatten wir das Glück, dass der EBV eine geeignete Wohnung für uns hatte.

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Sie haben Ihre bisherige Wohnung durch eine Erklärung des Vermieters auf Eigenbedarf verloren. Welche Begründung hat Ihr früherer Vermieter für den Eigenbedarf angegeben?

Mirko Woitschig

Der Vermieter gab an, dass sein Bruder in die Wohnung einziehen möchte.

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Beschreiben Sie bitte das Gefühl, als die Kündigung des Mietvertrags eingetroffen ist.

Mirko Woitschig

Es war ein sehr beängstigendes Gefühl. Meine Frau und ich tragen nicht mehr nur die Verantwortung für uns selbst, sondern auch für unsere beiden Kinder, um die wir uns große Sorgen gemacht haben. Zum Zeitpunkt der Kündigung weilten wir im Urlaub, und der Vermieter hat den wirklich allerletzten Moment der Kündigungsfrist abgewartet, um uns die Kündigung zuzustellen. Die Stimmung in den letzten Tagen unseres Urlaubs war entsprechend gedrückt. Wir haben dann direkt Kontakt zu einem Anwalt gesucht, um die Rechtmäßigkeit prüfen zu lassen. Das möchte man im Urlaub eigentlich auch nicht machen.

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Es gibt in Deutschland unterschiedliche Gründe für eine Eigenbedarfskündigung. Wie bewerten Sie die „Möglichkeiten“ der Vermieter dafür?

Mirko Woitschig

Mittlerweile gibt es einige Urteile, die die schwierige Lage der Mieterinnen und Mieter in engen Märkten der Ballungsräume berücksichtigen. Generell sind mir aus Mietersicht jedoch die gesetzlichen Regelungen zur Eigenbedarfskündigung zu „vermieterlastig“. In unserem Fall hatten wir lediglich eine dreimonatige Kündigungsfrist, was in einem angespannten Wohnungsmarkt wie Hamburg einfach zu kurz ist. Wir hatten uns nichts zuschulden kommen lassen, haben unsere Miete immer pünktlich bezahlt und die Wohnung gut in Schuss gehalten. Das spielt(e) aber letztlich keine Rolle.

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Werden – basierend auf Ihren eigenen Erfahrungen – aus Ihrer Sicht die Interessen der Mieter, die von einer Eigenbedarfskündigung betroffen sind, ausreichend berücksichtigt?

Mirko Woitschig

Nein, definitiv nicht. Es spielt ja noch nicht mal die Lebenssituation eine Rolle. Als Single ist es beispielsweise einfacher, eine Wohnung zu finden, als mit zwei Kindern.

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Haben Sie den Verdacht, dass bei der Begründung für „Ihre“ Eigenbedarfskündigung geschummelt wurde?

Mirko Woitschig

Das kann ich tatsächlich nicht einschätzen. Die Begründung des Vermieters klang nachvollziehbar. Die Art und Weise der Kündigung aber war nicht in Ordnung. Er hätte uns viel früher informieren können, dass er diese Pläne hat. Mit einer Vorlaufzeit von sechs Monaten oder mehr hätten wir adäquat und mit weniger Stress nach einer neuen Wohnung suchen können. Was uns zweifeln lässt, ist, dass in dem gleichen Haus bereits eine Wohnung entmietet wurde, die nun als Kurzzeitmiete zum dreifachen Preis angeboten wird.