Die Platte wächst
Die Rostocker Baugenossenschaft Neptun e.G. geht bei der Sanierung eines Plattenbaus neue Wege. Durch „Anbauten“ werden die Grundrisse der Wohnungen verändert.
Von Oliver Schirg
Rostock. Der Balkon ist eigentlich ein zusätzliches Zimmer. Es gibt zwar keine Heizung, dafür aber eine bodentiefe Verglasung. Wenn die Sonne scheint, wird es hier selbst im Winter rasch angenehm warm.
Wer in der Küche steht, bemerkt sofort den „Komfort der Größe“. Mehr Platz, mehr Luft, mehr Bewegungsfreiheit. Da, wo in der alten Wohnung das Küchenfenster war, wurde die Wandplatte herausgenommen.
Von außen haben Bauarbeiter ein quadratisches Betonelement „angeflanscht“ und so die Außenmauer des Wohngebäudes um 2,50 Meter nach außen „verschoben“. Ähnlich ging man auf der anderen Gebäudeseite vor und sorgte so für mehr Platz in den Wohnungen.
Die ersten Mieter wohnen schon
Hans-Ulrich Müller ist der Bauleiter und führt die Besucher durch den im Jahr 1968 errichteten Plattenbau in der Helsinkier Straße in Rostock Lütten Klein. Fünf Eingänge hat der fünfstöckige, langgezogene Block. Die führen zu insgesamt 100 Wohnungen.
Das Gebäude lässt sich in drei „Bauabschnitte“ einteilen. Im ersten wohnen bereits die Mieterinnen und Mieter in den größeren Wohnungen. Beim mittleren Teil legen die Handwerker „letzte Hand“ an.
Während von draußen mit Hilfe eines mächtigen Autokrans die Metallrahmen mit den Fenstern für die Loggien montiert werden, wird im Gebäude gemalt, gehämmert, geschraubt. Der Innenausbau läuft auf Hochtouren. Im Januar sollen die Mieter im „zweiten Bauabschnitt“ einziehen können.
Der dritte Abschnitt gleicht noch einem Rohbau. Zwar sind die von einem sächsischen Plattenwerk gelieferten „Erweiterungsmodule“ schon angebracht. Aber hier wird es noch einige Monate dauern, bis die künftigen Bewohner einziehen können.
Es wurden zusätzlich 1.000 Quadratmeter Wohnfläche geschaffen. Die Wohnungen wurden zwischen zehn und 50 Quadratmeter größer. Es gibt Wohnungen mit zwei, drei und vier Zimmern.
Jede Wohnung ist barrierefrei zu erreichen
Wer in das Wohnhaus eintritt, durchschreitet vier, fünf Meter, ehe sich das Treppenhaus nach links und rechts in zwei Stränge teilt. Von dort geht es – entweder mit dem Aufzug oder auf einer Treppe – in die einzelnen Etagen.
Hans-Ulrich Müller ist der Hinweis wichtig, dass man so jede Wohnung barrierefrei erreichen könne. Auch in den Wohnungen gibt es keine Stufen. Die Duschen sind bodentief und deshalb leicht auch für ältere Menschen zu nutzen.
So weit, so gewöhnlich, mag man denken. Die Sanierung eines Wohngebäudes halt. Doch was die Baugenossenschaft Neptun hier in der Helsinkier Straße umsetzt, ist der Versuch, in die Jahre gekommene Bausubstanz nicht abzureißen, sondern dahingehend zu erweitern, dass sie heutigen Ansprüchen der Mieterinnen und Mieter genügt.
Der Genossenschaft kommt entgegen, dass die „Platte“, wie sie umgangssprachlich heißt, bei den Genossenschaftsmitgliedern auch heute noch begehrt ist. Zum einen, weil Otto Normalverbraucher sie bezahlen kann.
Zum anderen, weil die Wohngebäude auch mehr als 50 Jahre nach ihrer Errichtung in ihrer Substanz intakt sind. Die damals verbauten Fertigteile sind von hoher Qualität, darin sind sich alle Experten einig.
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Schon in den siebziger Jahren spielte Nachhaltigkeit eine Rolle
Zudem spielte schon bei den Planungen in den siebziger Jahren Nachhaltigkeit eine Rolle. Wer sich eine freigelegte Platte anschaut, entdeckt drei Schichten. Zwischen den Betonaußenschichten wurde acht Zentimeter Dämmung eingebaut.
„Das ist für heutige Verhältnisse zwar nicht viel“, sagt Hans-Ulrich Müller. Aber eben auch nicht nichts. Mit dem „Anflanschen“ der Betonelemente und der Verglasung der neuen Balkone erfülle man moderne energetische Anforderungen, sagt Müller.
DDR-Plattenbauten sind viel zu schade, um abgerissen zu werden. Oft haben sie die erste Sanierungswelle in den 1990er Jahren gut überstanden: neue Fenster, Dämmung, sanierte Dächer, aufgehübschte Eingänge bis hin zu neuen Küchen und Bädern.
Aber da ist noch etwas, das in der aktuellen Debatte über Heizungstausch, Solardachpflicht oder Gründächer gern übersehen wird und den Plattenbauten gegenüber Neubauten einen unschätzbaren Vorteil verschafft:
Betrachtet man die gesamte Lebensdauer, ist ihre Klimabilanz besser. Der größte Teil der Kohlendioxidemissionen eines Wohngebäudes fällt bei seiner Errichtung an. Mit anderen Worten: Je länger ein Haus steht, desto „geringer“ werden seine Treibhausgasemissionen.
Die „graue Energie“ verändert alles
Die Sanierungskosten werden – betrachtet man es rein ökonomisch – am Ende in etwa genauso hoch sein wie der Aufwand für Abriss und Neubau, sagt Ina Liebing, Vorständin der BG Neptun.
„Am Ende ist es fast genauso teuer wie ein Neubau. Angefangen haben wir mit 13 Millionen Euro, jetzt liegen wir bei einer Investitionssumme von 19 Millionen Euro.“
Berücksichtigt man jedoch die sogenannte graue Energie, die eher früher als später bei der Betrachtung von Wohngebäuden eine große Rolle spielen wird, stellt sich die Rechnung anders dar.
Ina Liebing ist vorsichtig bei der Antwort auf die Frage, ob man künftig das Projekt „Helsinkier Straße“ wiederholen wird. Noch sei das ein Experiment, und man werde am Ende genau prüfen, was sinnvoll sei und was nicht.
„Die in der Helsinkier Straße gemachten Erfahrungen machen einiges leichter. Allerdings müsste man angesichts der gestiegenen Baukosten das Ganze sehr genau durchrechnen.“
In das Ergebnis der Prüfung wird einfließen, inwieweit die Politik ihre Förderung verändert. Zwar macht Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck keinen Hehl daraus, dass Sanierung und Modernisierung von Wohngebäuden Vorrang vor dem Neubau haben sollten.
Er will die staatliche Förderung auf die Sanierung von Bestandsgebäuden konzentrieren. Das von der Ampelkoalition selbstverschuldete Haushaltschaos bedroht aber inzwischen auch derartige Gewissheiten.
Mecklenburg-Vorpommerns VNW-Unternehmen jedenfalls halten derzeit das Geld zusammen und warten ab. Das, was an Neubauprojekten geplant wurde, wird abgearbeitet. Bei der Sanierung wird das gemacht, was unbedingt notwendig (und gesetzlich vorgeschrieben) ist.
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Wunsch nach mehr Wohnfläche ungebrochen
Eines haben die Haushaltskrise, das Gezerre um das Gebäudeenergiegesetz und die gestiegenen Energiekosten allerdings nicht verändert: den Wunsch der Menschen nach mehr Wohnfläche.
Das Projekt der BG Neptun in der Helsinkier Straße bietet einen „Ausweg“ aus dem Dilemma, wonach Grundrisse von Wohnungen bislang nur in engen Grenzen verändert werden konnten.
Zwar wurden Wohnungen in anderen Objekten zusammengelegt, gern auch über zwei Etagen miteinander verbunden. Wohnungen mit deutlich größeren Zimmern entstanden jedoch nur, und das auch lediglich in überschaubarer Zahl, wenn ein Wohngebäude aufgestockt wurde.
Hans-Ulrich Müller führt den Besucher in die dritte Etage und öffnet eine Tür. Geruch von frischer Farbe schlägt uns entgegen, im kleinen Bad sticht die große, bodentiefe Dusche ins Auge.
Die künftige Küche wird in dem angeflanschten Betonquader eingebaut werden. Durch ein schmales Fenster dringt Licht. Das Fenster ist in Kopfhöhe angebracht, damit es am Ende nicht der Kücheneinrichtung in die Quere kommt.
Eine Glastür gibt den Blick auf die große Loggia frei. Die Balkonverglasung ist durch die hohe Luftfeuchtigkeit im Innern der Wohnung beschlagen. Aber dem Besucher fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, wie oft die künftigen Mieter hier sitzen, frühstücken oder sich einfach nur ausruhen werden. Draußen sein, ohne die Wohnung zu verlassen.
Die verglasten Balkone sind zwischen zehn und 16 Quadratmeter groß und sehr beliebt. Bei Sonnenschein kann der Balkon wie ein Sommergarten genutzt werden. Das ist für viele Mieterinnen und Mieter ein Plus.
Als der Wohnblock vor gut 50 Jahren gebaut wurde, war das der „letzte Schrei“. Wer eine Neubauwohnung zugewiesen bekam, hatte großes Glück gehabt – oder Beziehungen. Inzwischen reicht das längst nicht mehr.
Heute wollen viele Mieterinnen und Mieter oftmals zwar ihr angestammtes Wohnquartier nicht verlassen und umziehen. Aber dennoch haben sie höhere Ansprüche: eine Dusche im Bad, mehr Platz in der Küche oder eben eine Loggia.
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Blaupause für andere Unternehmen?
Das hat natürlich seinen Preis, ohne die Bewohnerinnen und Bewohner am Ende zu überfordern. „Die Wohnungen werden teurer“, sagt Vorständin Ina Liebing. „Vorher wurde das Haus unsaniert für fünf bis sechs Euro pro Quadratmeter vermietet. Jetzt werden es elf Euro Netto-Kalt sein. Das liegt auch daran, dass sich der (Um-)Bau – auch aufgrund der Corona-Pandemie – schon drei Jahre hinzieht.“
Eine Blaupause für andere Wohnungsunternehmen? Darauf setzt jedenfalls VNW-Direktor Andreas Breitner. „Das, was die Baugenossenschaft Neptun in Rostock derzeit umsetzt, ist beispielhaft“, sagt er. „Das ist gut für die Umwelt und hilft, bezahlbaren Wohnraum für die Zukunft zu sichern.“