VNWmagazin 5_2024
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GENOSSE PROFI

Der FC St. Pauli hat eine Genossenschaft gegründet. Wer einen Anteil kauft, erwirbt ein Stück des Millerntor-Stadions. Es gibt viele Gemeinsamkeiten mit Wohnungsgenossenschaften – aber auch Unterschiede.

Von Peter Wenig

Auf den ersten Blick könnten die Gegensätze größer kaum sein. Hier das Profifußball-Geschäft, längst ein Milliardenmarkt. Mit Jahresgehältern bis in den zweistelligen Millionen-Bereich, getrieben von enormen TV-Einnahmen und dem entsprechenden Einfluss von Investoren. Dort die Welt der Genossenschaften. Kleinteilig, aus Bereichen wie Energie, Immobilien, Kreditwesen, Landwirtschaft. 7.500 gibt es in Deutschland. Statt des Profits steht der Gemeinsinn im Vordergrund: Einer für alle, alle für einen.

Der FC St. Pauli wagt sich nun als erster Bundesliga-Verein auf dieses Feld. Eine Genossenschaft soll dafür sorgen, dass es nicht mehr um die Ware Fußball geht, sondern um den wahren Fußball, wie es auf der Internetseite der Kiezkicker heißt. Wie wichtig Präsident Oke Göttlich dieses Thema ist, zeigte sich beim Genossenschaftstag im Mai in Hamburg.

Nicht ahnend, dass ausgerechnet am nächsten Abend das Derby beim HSV anstehen würde, hatte Göttlich als Referent zugesagt. „Unsere Genossenschaft ist ein Gegenentwurf zur Macht der Großinvestoren und zum Ausverkauf des Fußballs. Wir wollen uns aus der Kraft unserer Fans und unserer Unterstützer selbst finanzieren und zeigen: Ein anderer Fußball ist möglich.“ 

Trotz der 0:1-Niederlage im Volksparkstadion stieg der FC St. Pauli im Sommer auf. Und der Run auf die Genossenschaftsanteile zeigt, dass der Kiezclub einen Nerv getroffen hat. Das VNW-Magazin beantwortet die wichtigsten Fragen zu diesem Projekt.

Wieso braucht der FC St. Pauli überhaupt Geld?
Obwohl der Club zu den Bundesliga-Vereinen mit den niedrigsten Etats zählt, ist der FC St. Pauli auf weitere Einnahmen angewiesen. Dies liegt auch an den Werten des Vereins. So hat der FC St. Pauli 2023 entschieden, nicht mehr für Anbieter von Sportwetten zu werben. Zudem ist der branchenübliche Verkauf des Stadionnamens per Satzung verboten – Konkurrenten wie der FC Bayern (Allianz Arena) oder Borussia Dortmund (Signal Iduna Park) kassieren hier Millionen. Will der Verein auf Dauer mindestens in der Zweiten Liga erfolgreich bestehen, braucht der Club Geld – für den Spielerkader, für die Infrastruktur im Stadion, für das Trainingsgelände und das Nachwuchsleistungszentrum.

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (r.), Genossenschafts-Vorständin Miriam Wolframm und Oke Göttlich (l.), Vereinspräsident des FC St. Pauli

Wieso setzt der Verein auf das Genossenschaftsmodell?
Der Club will weiter unabhängig bleiben von Großinvestoren, Banken und anonymen Geldgebern. Denn diese könnten, so die Sorge, die DNA des mitgliedergeführten Vereins verändern. Beim Genossenschaftsmodell gilt: Ein Genosse, eine Stimme, unabhängig davon, wie viele Anteile erworben werden.

Wie sieht das Modell konkret aus?
Die Genossenschaft firmiert unter dem Namen Football Cooperative St. Pauli (FCSP eG). Der Name ist bewusst international gewählt, da der Club auch viele Fans im Ausland hat. Ein Anteil kostet 750 Euro, das Eintrittsgeld liegt bei 68 Euro, die ebenfalls einmalige Verwaltungskostenpauschale bei 32 Euro, insgesamt also 850 Euro. Bis zu 30 Millionen Euro will der Verein erlösen. Neben Privatpersonen können auch Vereine und Firmen Mitglieder werden. Aber wie gesagt: Auch wer 50 Anteile erwirbt, hat am Ende nur eine Stimme.

Kann das Geld auch für Spielertransfers verwendet werden?
Nein, das schließt die Satzung ausdrücklich aus. Im ersten Schritt erwerben die Genossen eine Beteiligung am Millerntor-Stadion, angestrebt wird eine Mehrheitsbeteiligung. Im Gegenzug zahlt der Verein an die Genossenschaft eine Pacht für das Stadion. Die Generalversammlung der Genossenschaft könnte auch entscheiden, in andere Projekte zu investieren – aber zwingend zur Förderung des Vereins. Denkbar wäre eine Investition in den Ausbau des Nachwuchsleistungszentrums. Der Verein will mit den Einnahmen Kredite für das Stadion und für die Rückzahlung von Corona-Hilfen vorzeitig ablösen. 

Welche Einnahmen kann die Genossenschaft erzielen?
In erster Linie durch die Verpachtung des Stadions an den Verein. „Wir werden uns hier auf einen fairen Pachtpreis mit dem Verein verständigen“, sagt Andreas Bocherding. Der erfahrene Steuerberater, einer von vier ehrenamtlichen Vorständen, arbeitete zuvor als Berater und Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers GmbH (PwC). Eine wichtige Kennzahl für die Pacht ist der Wert des Stadions. Sowohl der Verein als auch die Genossenschaft haben jeweils ein Gutachten beauftragt, demnach liegt der Wert des Millerntor-Stadions zwischen 55 und 60 Millionen Euro.

Wie hoch wird die Rendite sein?
Modellrechnungen gehen von zwei Prozent aus. Der Verein will auf keinen Fall Geld einfach geschenkt bekommen, die Genossen sollen neben der emotionalen Rendite („Mir gehört ein Stück Millerntor“) auch wirtschaftlich profitieren – wenn auch im bescheidenen Maß. Ausscheiden aus der Genossenschaft kann man zum Schluss eines Geschäftsjahres mit einer Frist von einem Jahr. Dann muss die Genossenschaft das Guthaben wieder auszahlen.

Wie hoch ist das Risiko?
Ganz wichtig: Eine Nachschusspflicht gibt es nicht, im ungünstigsten Fall droht maximal der Totalverlust des eingesetzten Kapitals, wenn der Verein die Pacht nicht mehr bezahlen kann. „Aber diese Gefahr ist eher theoretischer Natur. Wir wissen, wie der Stadionbetrieb funktioniert. Und historisch gesehen sind Genossenschaften am solidesten gegen Insolvenzen aufgestellt“, sagt Genossenschafts-Vorstand Andreas Bocherding. Zudem wird die Genossenschaft vom Hamburger Prüfverband geprüft.

Das Stadion FC St. Pauli

Wie laufen die Generalversammlungen ab?
Bereits nach wenigen Tagen knackte die Genossenschaft die Grenze von 10.000 Mitgliedern. Auf Sicht könnte sich diese Zahl verdreifachen. Dennoch verzichtet die Football Cooperative St. Pauli auf die bei großen Wohnungsbaugenossenschaften üblichen Vertreterwahlen. „Wir wollten keine weitere Ebene einziehen, sondern die Mitglieder direkt beteiligen“, sagt Bocherding. Dafür setzt die Genossenschaft konsequent auf digitale Formate. „Schon aus Kostengründen wäre eine Generalversammlung in Präsenz kaum machbar. Zudem wäre eine Teilnahme für die vielen Mitglieder schwierig, die aus anderen Teilen der Republik oder aus dem Ausland kommen“, sagt Bocherding. Online-Versammlungen mit rechtssicheren virtuellen Entscheidungen und Wahlen seien kein Problem: „Dafür gibt es entsprechende Dienstleister.“

Was ist der größte Unterschied zu den Wohnungsgenossenschaften?
Während Wohnungsgenossenschaften mit ihren Wohnungen über ein entsprechendes Anlagevermögen verfügen, gilt das Stadion des FC St. Pauli als Spezialimmobilie, die fast nur an Spieltagen genutzt wird. Die VIP-Räume werden zwar an spielfreien Tagen auch für externe Veranstaltungen vermietet, aber große Konzerte, die etwa im Volksparkstadion des HSV regelmäßig veranstaltet werden, sind am Millerntor schon aus Lärmschutzgründen auch auf längere Sicht kaum denkbar. Sollte der Verein in eine existenzielle sportliche und wirtschaftliche Krise geraten, wäre die Genossenschaft akut bedroht. Ganz auszuschließen ist dieses Risiko nicht: Vor 20 Jahren bewahrte nur eine Rettungsaktion vieler Fans den Verein vor der Insolvenz. Inzwischen zählt der FC St. Pauli aber zu den wirtschaftlich stabilsten Vereinen im deutschen Profifußball.

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher und Vereinspräsident des FC St. Pauli, Oke Göttlich

Was wird die Genossenschaft den Mitgliedern noch bieten?
„Hier werden wir in den kommenden Wochen und Monaten Ideen der Mitglieder sammeln“, sagt Bocherding: „Im ersten Schritt wollen wir gemeinsam einen Weg finden, wie wir die eG und die Mitglieder im oder am Stadion repräsentieren können. Denkbar sind weiterhin etwa Online-Talkrunden oder auch Präsenz-Veranstaltungen zu ausgewählten Themen.“